Eine Collage, die beispielhaft den Strukturwandel in NRW darstellen soll: ein Thomas-Konverter aus dem früheren Stahlwerk Phoenix-Ost, ein chinesischer Arbeiter, Phoenix-See, zwei Arbeiter in gelben Helmen.

Was sind die Ursachen?

Es gibt viele Faktoren, die Strukturwandel vorantreiben können. Das zeigt ein Blick auf die historische Entwicklung der Industrie in NRW.

Rückblick: Strukturwandel in NRW

Strukturwandel bedeutet immer, dass bestimmte Aspekte der Arbeitswelt wichtiger werden, während andere an Bedeutung verlieren. Insbesondere Kohle und Stahl sind ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie stark NRW seit Ende des Zweiten Weltkrieges vom Strukturwandel geprägt wurde. Es gibt aber noch weitere für NRW maßgebliche Branchen, bei denen sich ein tiefgreifender Strukturwandel vollzogen hat.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kommt es in der Bundesrepublik zunächst zu einem wirtschaftlichen Aufschwung. Die Kohle- und Stahlindustrie in den traditionellen Industrieregionen in NRW leistet einen Beitrag zum Wiederaufbau des Landes. Auch international ist der Bergbau im Ruhrgebiet von großer wirtschaftlicher Bedeutung. Aus der Sorge Frankreichs über eine erneute Aufrüstung Deutschlands sowie aus wirtschaftlichen Interessen kommt es zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS). Das Wirtschaftsbündnis bildet einen entscheidenden Schritt für die spätere Bildung der Europäischen Union.

Im Winter 1957 kommt es zu einem überraschenden Einbruch der Kohle-Nachfrage in ganz Europa und damit zur sogenannten Kohlekrise. Grund ist unter anderem die Erschließung neuer günstiger Fördergebiete im Ausland, während die Preise für den Transport sinken. Gleichzeitig gehen die Preise für Erdöl stark zurück, weshalb die Steinkohle als Träger für Wärmeenergie zunehmend ersetzt wird. Die Verschiebungen in der Energienachfrage stürzen Kohleunternehmen in NRW in eine Krise. Ende der 1950er-Jahre kommt es zu ersten Entlassungen im Bergbau.

Ab 1968 investiert das Land NRW im Rahmen des „Entwicklungsprogramm Ruhr 1968-1973“ gezielt in den Strukturwandel des Ruhrgebiets. Mithilfe des Geldes werden S-Bahn- und Straßennetze ausgebaut, aber auch neue Erholungsräume entwickelt. Auch der Aufbau von Hochschulen und Universitäten, unter anderem in Dortmund und Duisburg, ist Teil des Hilfsprogrammes. In den darauffolgenden Jahren fördert das Land NRW zudem den Ausbau des Dienstleistungssektors, wodurch vor allem die Kultur- und Kommunikationsbranche an Bedeutung gewinnen sollen.

Nach jahrzehntelangem Tauziehen einigen sich die UN-Staaten 2015 in Paris erstmals auf ein weltweites Abkommen, dass alle Staaten zu konkreten Klimaschutzmaßnahmen verpflichtet. Auch Deutschland trifft entsprechende Entscheidungen. Mit Blick auf die Klimaschutzziele beschließt die Bundesrepublik, bis spätestens zum Jahr 2038 aus der Kohleverstromung auszusteigen.

Kohle und Stahl sind zwar das bekannteste Beispiel für den Strukturwandel in Nordrhein-Westfalen, aber nicht das einzige. Auch die Textil- und Bekleidungsindustrie erlebte einen tiefgreifenden Strukturwandel. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges boomte diese Industrie und bot insbesondere für weibliche Arbeitskräfte eine Beschäftigungsmöglichkeit. Ab den 1970er Jahren jedoch sinkt die Anzahl der Betriebe und somit auch die Anzahl der Beschäftigten dramatisch. Gründe dafür lassen sich unter anderem in der fortschreitenden Globalisierung finden, die den Wettbewerbsdruck auf Unternehmen in Deutschland erhöhte. Dies führte zu einer immer stärkeren Technisierung und Automatisierung der Abläufe und somit schließlich zum Abbau von Betrieben. Dennoch gibt es auch heute noch Regionen in Deutschland, in denen die Textil- und Bekleidungsindustrie ein wichtiger Arbeitgeber ist. In Nordrhein-Westfalen sind das zum Beispiel Mönchengladbach, Krefeld, Gütersloh, Herford, Wuppertal und die Region nördlich von Münster.

Was sind die Ursachen des Wandels?

Strukturwandel kann durch verschiedene Faktoren ausgelöst werden. Besonders wichtig ist der technische Fortschritt. So werden in der Industrieproduktion zahlreiche Arbeitsprozesse automatisiert, die früher noch von Menschen ausgeführt wurden. Für große Umwälzungen sorgt die Entwicklung von Informations- und Kommunikationstechnologien, oft als Digitalisierung bezeichnet. 

Auch die Globalisierung trägt zum Strukturwandel bei. So haben sich vor allem arbeitsintensive Produktionsschritte in Länder verlagert, in denen Arbeitskraft weniger kostet. 

Hinzu kommen demografische Entwicklungen. In Deutschland gibt es immer mehr alte Menschen, da geburtenreiche Jahrgänge in Rente gehen und seit der Mitte der 1970er Jahre die Geburtenrate deutlich gesunken ist. Zudem steigt die Lebenserwartung der Menschen in Deutschland. Das hat unter anderem zur Folge, dass in manchen Branchen Arbeitskräfte knapp werden, zum Beispiel im Handwerk und in der Pflege. Gleichzeitig werden das Gesundheitswesen und Pflegeberufe angesichts der alternden Bevölkerung in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen. 

Ebenso kann der Strukturwandel durch Krisen und Konflikte beeinflusst werden. Das wird am Beispiel der Klimakrise deutlich. So haben Maßnahmen für mehr Klimaschutz wie der Ausstieg aus der Kohleenergie oder ein mögliches Verbot des Verbrennungsmotors zur Folge, dass sich die Wirtschaft anpassen und weiterentwickeln muss. Darüber hinaus haben Ereignisse wie die Corona-Pandemie oder der Ukraine-Krieg globale Lieferketten so stark beeinflusst, dass über die Lebensmittel- und Energieversorgung ganz neu nachgedacht werden muss.

Fotoserie: Strukturwandel in Montan- und Automobilindustrie