Einfluss aus Ankara? Einbezug von DITIB in Religionsunterricht sorgt für Kontroversen

09.09.2021

Kurzfassung

Wer gestaltet den islamischen Religionsunterricht in NRW? Über diese Frage wird derzeit kontrovers gestritten. Um über Lehrinhalte mitzuentscheiden, hatte das nordrhein-westfälische Schulministerium im Juni eine neue Kommission ins Leben gerufen. Was vielen missfällt: Neben fünf weiteren islamischen Organisationen sitzt auch die umstrittene „Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion“ – kurz: DITIB – mit am Beratungstisch.

Der Moscheeverband steht wegen seiner vermeintlichen Nähe zur Regierung in Ankara in der Kritik. Als problematisch gilt etwa die Zusammenarbeit mit der türkischen Religionsbehörde DIYANET. Diese geriet 2017 in Verruf: Sie hatte Imame nach Deutschland entsandt, um oppositionelle Anhänger zu bespitzeln. Da auch DITIB-Imame an der Affäre beteiligt waren, legten mehrere Bundesländer die Kooperationen auf Eis – auch NRW.

„Ein großer weiterer Meilenstein für den islamischen Religionsunterricht“

Dass es jetzt doch wieder zu einer Zusammenarbeit kommt, führt NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) auf eine überarbeitete Vereinssatzung zurück: Die DITIB habe inzwischen „intern, aber auch öffentlich“ ihre „Staatsferne“ dargelegt. Die Umsetzung des Kommissionsmodells sei „ein großer weiterer Meilenstein für den islamischen Religionsunterricht“, heißt es in einer Pressemitteilung.

Doch Kritiker:innen können dem keinen Glauben schenken. Auch der Grünen-Politiker Cem Özdemir richtete sich mit scharfen Worten gegen die Pläne, wieder mit der DITIB zu kooperieren: „Die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen und die CDU dort haben dafür gesorgt, dass Erdogan Zugang zu deutschen Schulen bekommt. Das ist unfassbar“, empörte er sich in der WELT AM SONNTAG.

Ermöglicht die DITIB der türkischen Regierung Einfluss in deutschen Klassenzimmern? Oder hat sie die neue Chance verdient?

Acht Perspektiven

„Die aus der Türkei ferngesteuerte DITIB ist kein Gesprächspartner für demokratische Politiker“

Ruhrbarone, 23.05.2021 - Stefan Laurin

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Die Perspektive in 30 Sekunden

DITIB und Diyanet sollte man nur soweit trauen, wie man ein Klavier werfen kann“, mahnt Stefan Laurin im Webblog RUHRBARONE. Dass der größte deutsche Islamverband jetzt auch beim Islamunterricht in NRW mitreden darf, ringt dem Journalisten nur ein Kopfschütteln ab.

Hauptkritikpunkt für Laurin: Dass die DITIB von der türkischen Religionsbehörde DIYANET finanziert – und in Laurins Worten – „gesteuert“ wird. Aber: „Das hält Teile der Politik in der Bundesrepublik nicht davon ab, mit der DITIB in den Dialog zu treten“, wettert Laurin. Dabei habe die DIYANET noch im Mai einen antisemitischen Beitrag mit dem Titel „Babykiller Israel muss so schnell wie möglich gestoppt werden“ auf ihrer Website veröffentlicht. „Dass es die Hamas war, die mit ihren Raketenangriffen auf Israel den Konflikt begann, ist der Behörde kein Wort wert“, prangert Laurin an, ohne auf den vorangegangenen Streit um die angedrohten Wohnungsenteignungen von Palästinensern durch Israel einzugehen. Auch habe DIYANET-Präsident Ali Erbas auf Anweisung Erdogans eine Erklärung zu Jerusalem abgegeben, in der die Hauptstadt als islamische Stadt bezeichnet werde – Israel dagegen als „Terrorstaat“ und als „Invasor“.

„Schaut man sich die Aussagen der DIYANET an, macht es mehr Sinn, über ein Verbot der DITIB-Vereine in Deutschland nachzudenken“, fordert Laurin. Mit dem Moscheeverband in einen Dialog zu treten oder ihn gar an den Planungen für den islamischen Religionsunterricht zu beteiligen, hält der Autor für fatal.

Anmerkungen der Redaktion

Stefan Laurin ist freier Journalist und Herausgeber des Blogs RUHRBARONE. Er schreibt unter anderem für die SALONKOLUMNISTEN, die WELT und die JÜDISCHE ALLGEMEINE, eine liberal ausgerichtete Wochenzeitung mit dem Schwerpunkt auf jüdischem Leben. Außerdem schreibt er für das Rechercheportal CORRECTIV. Laurin bezieht häufig gegen Antisemitismus Stellung und spricht sich für die Unabhängigkeit des Journalismus von der Politik aus.

Die RUHRBARONE ist ein 2007 gegründeter Webblog, dessen Redaktion überwiegend aus Journalist:innen besteht, die hauptberuflich für andere Medien arbeiten. Von 2010 bis 2013 waren die RUHRBARONE auch als gedruckte Auflage erhältlich. Die Autor:innen folgen laut eigener Aussage drei Grundsätzen: Sie sind gegen rechts, gegen Autorität und proisraelisch. Viele der Autor:innen, die auf dem Blog veröffentlichen, nehmen zu gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Themen linke Haltungen ein.

„DITIB darf keinen Einfluss auf unseren Schulunterricht bekommen“

Tichys Einblick, 29.05.2021 - Sylvia Pantel

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Die Perspektive in 30 Sekunden

Die CDU-Bundestagsabgeordnete Sylvia Pantel kritisiert die Entscheidung der nordrhein-westfälischen Landesregierung, die DITIB an der Konzeption des islamischen Religionsunterrichts zu beteiligen – ausgerechnet zu einer Zeit, in der jüdische Gemeinden von islamischem Judenhass bedroht seien. „Das ist empörend“, findet die Gastautorin in ihrem Beitrag für das Onlinemagazin TICHYS EINBLICK.

Zwar begründe das Schulministerium den Schritt damit, die DITIB habe ihre Satzungen geändert und sich damit vom türkischen Staat gelöst. Doch das Argument lässt Pantel nicht gelten: Erstens mache die DITIB weder Satzungen noch deren Änderungen öffentlich – sodass diese gar nicht überprüfbar seien. „Und zweitens wäre dies bei einem Verband, der in den letzten zehn Jahren immer wieder durch Skandale und Nähe zu Islamisten aufgefallen ist, auch unerheblich“, findet Pantel. „Erst 2019 mussten wir lesen, dass die DITIB nicht einmal vor Kontakten mit der Muslimbruderschaft zurückschreckt“, kritisiert sie.

Laut Pantel erfordert der anhaltende Antisemitismus in Deutschland ein hartes Durchgreifen des Staates. Dass die DITIB beim islamischen Religionsunterricht wieder mitreden darf, hält sie für ein großes Risiko. „Ein solcher Skandal-Verband, der, auch wenn er nicht vom Verfassungsschutz beobachtet wird, doch ganz klar dem Politischen Islam zuzuordnen ist, darf keinen Einfluss auf unseren Schulunterricht bekommen!“, fordert die Autorin.

Anmerkungen der Redaktion

Sylvia Pantel ist seit 1996 CDU-Politikerin und seit 2013 Mitglied des Bundestags für den Wahlkreis Düsseldorf. Pantel ist außerdem seit 2013 Mitglied des Bundesvorstands der Frauen-Union und seit 2017 stellvertretende Vorsitzende der Frauen-Union Nordrhein-Westfalens. Sie positioniert sich gegen das Nordische Modell und fordert stattdessen mehr Arbeitsschutz für Prostituierte.

TICHYS EINBLICK ist ein 2014 vom Wirtschaftsjournalisten Roland Tichy gegründetes Onlinemagazin, das sich selbst als liberal-konservativ verortet. Das Magazin steht allerdings immer wieder in der Kritik, die Grenze zum Rechtspopulismus zu überschreiten. Roland Tichy selbst gilt laut der ZEIT als „feste Größe“ unter den deutschen Liberal-Konservativen. In einzelnen Beiträgen des Online-Magazins, die wir auf Buzzard nicht abbilden, findet sich frauenfeindliche Sprache. Ursula von der Leyen wird beispielsweise als „Ursel”, „Flinten-Uschi” oder „Haubitzen-Uschi” bezeichnet. Andere Beiträge auf TICHYS EINBLICK relativieren rechte Gewalt und Rassismus. In einer Berichterstattung über die NSU-Morde heißt es beispielsweise, den Angeklagten im NSU-Prozess würden Taten „angedichtet”, außerdem werde „von der Politik vorgegeben, in welche Richtung ermittelt werden soll und in welche nicht“. Roland Tichy selbst zweifelte nach den Hetzjagden auf ausländisch aussehende Menschen in Chemnitz 2018 an, dass diese stattgefunden haben, legt aber großen Fokus auf den vorausgegangenen Mord durch einen Geflüchteten, den er als symptomatisch für die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel sieht. Neben problematischen Äußerungen finden sich auf TICHYS EINBLICK allerdings auch zahlreiche Beiträge, die ausführliche und teils differenziert begründete Regierungskritik aus einer rechtskonservativen Sicht bieten.

„Perspektiven für den Islam-Unterricht“

Die Tagespost, 18.07.2021 - Heinrich Wullhorst, Joachim Wagner

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Der Islam-Experte Joachim Wagner hält es für wichtig, dass der islamische Religionsunterricht ohne Einfluss muslimischer Verbände stattfindet. „Denn für die muslimischen Verbände haben der Erhalt der islamischen Religion und Kultur im Zweifel Vorrang vor der Integration“, warnt er im TAGESPOST-Interview mit dem Journalisten Heinrich Wullhorst.

Wagner befürchtet, dass Mitbestimmungsgremien – wie auch die neue NRW-Kommission – konservativen Verbänden wie der DITIB eine große Macht einräumen: „Sie gestalten den Unterricht, verfassen Unterrichtspläne und wählen Lehrer und Schulbücher aus.“ Der Staat habe in dieser Unterrichtsform kaum Einfluss. Das hält Wagner für eine große Gefahr: „Die Verbände bekennen in Einzelfällen sogar offen, dass sie im Unterricht ihre Interpretation des Islam durchsetzen wollen.“ Das Bestimmungsrecht der konservativen Verbände grenze liberale Religionspädagogen aus und fördere eine integrationsfeindliche Interpretation des Korans.

Dabei seien Schulen für die Integration besonders wichtig. „Es gibt keine andere Institution, wo westliche Kultur und muslimische Kultur so eng aufeinanderprallen wie dort“, gibt Wagner zu bedenken. Umso wichtiger sei es, das deutsche Wertesystem im Unterricht lebendig und überzeugend darzustellen. „Nur auf diesem Wege können wir muslimische Jugendliche überzeugen, dass der demokratische Rechtsstaat dem Gottesstaat überlegen ist“, appelliert Wagner.

Anmerkungen der Redaktion

Heinrich Wullhorst ist freier Journalist und Kommunikationsberater. Der studierte Rechtswissenschaftler hat bis 2001 als Rechtsanwalt gearbeitet. Danach widmete er sich dem Journalismus und war 13 Jahre als Pressesprecher des Kolpingwerkes Deutschland tätig. Er engagiert sich ehrenamtlich in katholischen Sozialverbänden.

Joachim Wagner ist Jurist, Journalist und Autor. Er hat als politischer Redakteur beim NDR unter anderem als Leiter und Moderator des Magazins PANORAMA gearbeitet. Zudem war er freier Mitarbeiter beim STERN, der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG und der ZEIT und hat als Leiter und Korrespondent bei den ARD-Studios in London gearbeitet. 2018 ist sein Buch „Die Macht der Moschee: Scheitert die Integration am Islam?“ erschienen.

DIE TAGESPOST ist eine katholische Zeitung aus Würzburg. Sie hatte 2020 eine Auflage von 10.250 und erscheint einmal die Woche als Printversion. Die Online-Berichterstattung ist jedoch tagesaktuell. Die Zeitung hat eine klar konservativ-katholische Linie, z.B. wird behauptet, Homosexualität werde durch Umweltfaktoren wie eine „gestörte Vater-Sohn-Beziehung“ und „Promiskuität“ hervorgerufen. Abtreibungsorganisationen aus den USA unterstellt die Zeitung eine Nähe zum Ku-Klux-Klan und nutzt die aktuelle Black-Lives-Matter-Bewegung, um auf angeblich politische Abtreibungskampagnen in Afrika hinzuweisen.

„Stellungnahme“

Islamische Religionsgemeinschaft DITIB Nordrhein-Westfalen e.V., 28.05.2021 - keine namentliche Autorenschaft

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Auf die breite öffentliche Kritik zum Beschluss der Landesregierung, die DITIB wieder mit in den islamischen Religionsunterricht einzubeziehen, reagierte die DITIB NRW Ende Mai mit einer Stellungnahme. Darin weist der größte deutsche Islamverband die „politisch aufgeheizten Vorwürfe“, im Auftrag der türkischen Regierung zu handeln, auf das Schärfste zurück. Die DITIB habe zu keinem Zeitpunkt unter Einfluss aus dem Ausland gestanden – und daran ändere sich auch nichts.

Vielmehr werde die Kooperation zwischen der DITIB und der türkischen Religionsbehörde DIYANET durch Kritiker:innen benutzt, um verfassungsrechtliche Bedenken zu säen. Die Autor:innen halten diese für nichts als „konstruierte Szenarien“. Zwar bestehe eine religiös-theologische Zusammenarbeit mit der DIYANET, die auch stets transparent kommuniziert worden sei. Doch es habe – trotz umfassender Untersuchungen – nie Nachweise für eine Einflussnahme gegeben.

Um die „haltlosen Anschuldigungen“ dennoch zweifelsfrei auszuräumen, habe die Religionsgemeinschaft die eigene Vereinssatzung nachgeschärft und damit „nachhaltig-strukturelle Ansätze für die Zukunft etabliert“. Denn: Aus ihrem theologischen Selbstverständnis heraus verstehe die DITIB sich ausdrücklich als eine in Deutschland beheimatete Religionsgemeinschaft, die daran mitwirke, die freiheitlich-demokratische Gesellschaft voranzubringen – auch in den Schulen.

Anmerkungen der Redaktion

Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion – kurz: DITIB – ist der größte Islamverband in Deutschland. Der Verein wurde 1984 mit Hauptsitz in Köln-Ehrenfeld gegründet; inzwischen vertritt er bundesweit etwa 900 Moscheevereine und begleitet deren religiöse, soziale und kulturelle Aktivitäten. Die DITIB gilt bundesweit als mitgliederstärkste Migrantenorganisation: Nach eigenen Angaben vertritt sie über 70 Prozent der in Deutschland lebenden Muslim:innen. Als Vorstandsvorsitzender fungiert seit Januar 2019 der türkisch-islamische Theologe und Rechtsgelehrte Kazim Türkmen. Dieser arbeitete zuvor als Prediger in der Türkei und als Religionsbeauftragter einer Moschee in Dinslaken. Von 2010 bis 2012 war Türkmen im Türkischen Generalkonsulat in Stuttgart beschäftigt und wurde von dort aus in den Verwaltungsrat der DITIB berufen. Im Jahr 2018 gerieten einzelne DITIB-Moscheegemeinden aufgrund vermeintlich verfassungsfeindlicher Bestrebungen in die Kritik. Das Bundesamt für Verfassungsschutz prüfte im Zuge dessen eine offizielle Beobachtung des Dachverbands, fand hierzu aber keine hinreichenden Anhaltspunkte.

„Land NRW weis Kritik an Beteiligung der Ditib am Islamunterricht zurück - "Ausreichende Unabhängigkeit vom türkischen Staat"“

Kölner Stadt-Anzeiger, 25.05.2021 - Frank Olbert

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Das nordrhein-westfälische Schulministerium hält die Kritik an der DITIB für unbegründet. Der Moscheeverband dürfe den islamischen Religionsunterricht wieder mitgestalten, weil er inzwischen glaubwürdig versichert habe, unabhängig vom türkischen Staat zu agieren, teilte das Ministerium dem KÖLNER STADT-ANZEIGER Ende Mai mit.

Die DITIB NRW habe die eigene Satzung und die Satzungen seiner Regionalverbände so geändert, dass „von einer ausreichenden Unabhängigkeit vom Ditib-Bundesverband und vom türkischen Staat ausgegangen werden kann“. Das Land werde weiterhin „strikt im Auge behalten“, dass die neue Satzung auch „gelebt“ wird – und andernfalls Konsequenzen ziehen. Hierzu habe das Ministerium dem Moscheeverband konkrete Bedingungen gestellt: „Das betrifft einmal ein klares Bekenntnis zur Verfassung und auch gegen jede Form von Diskriminierung“, heißt es aus der Landesregierung.

Der nordrhein-westfälische Landesverband der DITIB habe sich wie alle anderen mitwirkenden Verbände vertraglich gegenüber dem Land verpflichtet, die Werte des Grundgesetzes zu achten. Laut des Schulministeriums ist die DITIB erst nach einem aufwendigen „Prüfprozess“ wieder in die Kommission aufgenommen worden. Unerwünschte Einflüsse aus Ankara seien folglich nicht zu befürchten.

Anmerkungen der Redaktion

Da der Beitrag vom KÖLNER STADT-ANZEIGER mittlerweile hinter die Paywall gewandert ist, verlinken wir auf einen Artikel vom PRESSEPORTAL, der auf das Original Bezug nimmt. Der kostenpflichtige Originalartikel vom KSTA kann hier abgerufen werden.

Frank Olbert ist Redakteur und Korrespondent für Bildungspolitik beim KÖLNER STADT-ANZEIGER. Er hat unter anderem für die MITTELDEUTSCHE ZEITUNG und die FRANKFURTER RUNDSCHAU geschrieben. Bevor er Korrespondent für Bildungspolitik wurde, ist er Leiter des Kultur-Ressorts gewesen. 

Der KÖLNER STADT-ANZEIGER ist die Tageszeitung mit der höchsten Auflage im Großraum Köln. Die Zeitung erscheint jeden Werktag und gehört zur DuMont-Mediengruppe. Der DuMont-Mediengruppe gehören unter anderem noch die BERLINER ZEITUNG, FRANKFURTER RUNDSCHAU und HAMBURGER MORGENPOST. Die verkaufte Auflage hat im zweiten Quartal 2021 rund 216.000 Exemplare betragen. Wie bei den meisten anderen Zeitungen auch ist das ein großer Rückgang seit dem Jahr 1990.

„Kommentar zum islamischen Religionsunterricht“

WDR, 06.06.2021 - Kadriye Acar

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Die Journalistin Kadriye Acar sieht die DITIB in der Debatte um den islamischen Religionsunterricht zu Unrecht im Kreuzfeuer. Aus ihrer Sicht hat die neue Kommission ein anderes „Start-Handicap“: Sie sei nach christlichem Vorbild entworfen – obwohl der Islam keine kirchenähnlichen Strukturen kenne. „Von daher ist nicht die Zusammensetzung der Kommission das Problem“, verdeutlicht die Autorin in ihrem Kommentar für den Westdeutschen Rundfunk (WDR).

Um ein bekenntnisorientiertes Unterrichtsfach einzuführen, verlange das Grundgesetz eine anerkannte Religionsgemeinschaft. „Die islamischen Verbände haben diesen Status aber nicht“, erläutert Acar. Daher bediene man sich einer „Hilfskonstruktion“ – der Kommission für den islamischen Religionsunterricht, die etwa Lehrkräften einer religiösen Eignungsprüfung unterziehe. Die Beteiligung der DITIB hält Acar dabei nicht für das grundlegende Problem. Vielmehr hält sie es für falsch, christliche Strukturen ohne Weiteres auf den Islam zu übertragen. Hier stoße das Grundgesetz an seine Grenzen: Weil sich innerhalb des Islams keine anerkannte Institution anbiete, die die deutschen Muslim:innen in eindeutiger Weise repräsentieren könne.

Der vorherige Beirat habe dieses Problem ebenso wenig lösen können wie die neue Kommission. Auch ohne eine Beteiligung der DITIB sei mit dem neuen Gremium nichts gewonnen: „Meiner Meinung nach sind für die Musliminnen und Muslime völlig neue Wege und Ansätze gefordert, die nicht dem bekannten Schema der Kirchen folgen“, so Acar. Um diese zu entwickeln, brauche es Mut und Experimentierfreudigkeit – von allen Seiten.

Anmerkungen der Redaktion

Kadriye Acar ist seit über 20 Jahren als freie Journalistin und Filmproduzentin tätig. Sie hat bereits mehrere Filmdokumentationen und Reportagen für den WDR, ARTE und das ZDF produziert. Acar hat Islamwissenschaften studiert und engagiert sich in vielen gemeinnützigen Projekten.

Der WDR ist die größte der neun Landesrundfunkanstalten der ARD. Er entstand 1956, als sich der NWDR in den NDR und den WDR aufteilte. Die Sendeanstalt hat sechs Radioprogramme und einen Fernsehsender, zu dessen bekanntesten Programmen unter anderem das Politmagazin „Monitor“, die „Sportschau“ oder das Kinderangebot „Die Sendung mit der Maus“ gehören. Laut eigenen Angaben ist der Sender nach Anzahl der Beschäftigten das zweitgrößte Medienunternehmen Europas hinter der BBC.

„Islamischer Religionsunterricht in NRW – eine Chronologie“

Islamiq, 09.06.2021 - Islamiq

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Angesichts der Debatte um die neue Kommission, die den islamischen Religionsunterricht zukünftig mitgestalten soll, hat die Redaktion des Nachrichten- und Debattenmagazins ISLAMIQ die Entwicklungen der letzten zwei Jahrzehnte chronologisch sortiert. Das erlaubt einen Rückblick auf die wichtigsten Ereignisse:

  • Erstmalig eingeführt wird der nordrhein-westfälische Islamunterricht im Jahr 1999. Dieser hat zunächst keinen „Bekenntnischarakter“: Er informiert also lediglich über die Inhalte des islamischen Glaubens – ohne Beteiligung der Religionsgemeinschaften. Im Jahr 2011 ändert sich das: Die Landesregierung und der Koordinationsrat der Muslime unterzeichnen eine gemeinsame Erklärung zur Einführung eines bekenntnisorientierten Islamunterrichts.
  • Noch im selben Jahr wird das Gesetz zu dessen Einführung ab dem Schuljahr 2012/2013 verabschiedet. Innerhalb eines Modellprojekts wird der islamische Religionsunterricht von einem Beirat begleitet: Dieser besteht aus vier Vertretern des Koordinationsrates der Muslime sowie vier weiteren von der Landesregierung ernannten Vertretern – auch die DITIB ist dabei. Diese lässt ihren Sitz im Beirat aber 2017 nach Spionagevorwürfen gegen aus der Türkei entsandte Imame ruhen.
  • Im Jahr 2019 entscheidet das Land Nordrhein-Westfalen, das Beiratsmodell für den islamischen Religionsunterricht zu beenden. An dessen Stelle soll zukünftig eine Kommission stehen – besetzt durch Vertreter der großen islamischen Religionsgemeinschaften sowie andere Vereine. Neu ist, dass künftige Mitglieder mit dem Land NRW einen öffentlich-rechtlichen Vertrag über die Zusammenarbeit zum islamischen Religionsunterricht abschließen müssen.
  • Im Frühling 2021 gibt die Landesregierung dann bekannt, dass sie den islamischen Religionsunterricht weiter ausbauen werde. Hierzu hat auch die neue Kommission ihre Arbeit aufgenommen. Während die DITIB wieder in dem Gremium vertreten ist, wird der Zentralrat der Muslime ausgeschlossen – wogegen dieser klagt.

Anmerkungen der Redaktion

ISLAMIQ ist ein Online-Nachrichtenportal rund um den Islam in Deutschland und Europa. Sein Ziel ist es, die muslimische Gemeinschaft in Deutschland so breit wie möglich abzubilden. Es wird herausgegeben von der Plural Publications GmbH, einem Verlag, der nach eigenen Angaben an die islamische Literatur anknüpfen möchte und sich an muslimische und nicht-muslimische Leser:innen richtet. Plural Publications kritisiert, dass in der deutschen Medienlandschaft zumeist nur über Muslime gesprochen wird und selten mit ihnen, sodass teilweise ein verzerrtes, unvollständiges oder gar falsches Bild entstehen kann. Zusätzlich hat die Seite ein Magazin: "IslamiQ – Das Magazin: Muslime in Deutschland: Perspektiven, Meinungen, Erwartungen" betrieben, welches anlässlich des fünfjährigen Jubiläums von ISLAMIQ veröffentlicht wurde. ISLAMIQ postet die veröffentlichen Artikel regelmäßig auf dem Twitter-Account @IslamiQde.

„Islamischer Religionsunterricht in Deutschland“

Mediendienst-Integration, 27.05.2021 - Tomma Neveling

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Im Mai 2020 hat der MEDIENDIENST INTEGRATION bundesweite Daten zum islamischen Religionsunterricht in einem Informationspapier zusammengetragen. Die Politikwissenschaftlerin Tomma Neveling fasst die wichtigsten Erkenntnisse auf der Homepage der Serviceplattform zusammen.

Insgesamt werde an über 900 deutschen Schulen und in elf Bundesländern islamischer Religionsunterricht angeboten – mit Ausnahme der fünf östlichen Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen. Im Jahr 2020 nahmen laut Neveling rund 60.000 Schüler:innen bundesweit am islamischen Religionsunterricht teil. „In den meisten Bundesländern ist die Zahl der Teilnehmer*innen in den letzten Jahren gestiegen“, stellt die Autorin fest. Mit über 20.000 Schüler:innen führe Nordrhein-Westfalen die Statistik an – hier seien auch die meisten Muslim:innen zu Hause.

Laut Neveling entwickeln die Bundesländer den Unterricht kontinuierlich weiter. Je nach Region gebe es unterschiedliche Modelle; häufig, wenn auch nicht immer, seien muslimische Partner:innen in die Gestaltung mit einbezogen. Doch immer wieder löse die Rollenverteilung zwischen Staat und Religionsgemeinschaften Kontroversen aus – auch in Nordrhein-Westfalen.   

Anmerkungen der Redaktion

Tomma Neveling arbeitet bei dem MEDIENDIENST INTEGRATION und ist dort Projektleiterin des Islam-Projekts, das über Religion aufklären will. Sie hat Politikwissenschaft und European Studies in Berlin, Frankfurt und Lissabon studiert. Neben dem Studium war sie beim MEDIENDIENST INTEGRATION für den Newsletter verantwortlich und hat bei REPORTER OHNE GRENZEN gearbeitet.

MEDIENDIENST INTEGRATION ist eine Informationsplattform, die Journalist:innen Informationen zu Migration, Integration und Asyl in Deutschland bietet. Auf der Plattform finden sich geprüfte Zahlen und Fakten, Hintergrundberichte, Recherchen und Gastbeiträge zu diesen Themen. Der MEDIENDIENST INTEGRATION fungiert außerdem als Netzwerk, das Expert:innen und Wissenschaftler:innen zusammenbringt und an andere Medien vermittelt.