Stau-Land-NRW: Der Traum von autofreien Innenstädten

16.09.2021 - Themenbereiche: Gesellschaft, Nordrhein-Westfalen, Umwelt und Nachhaltigkeit

Kurzfassung

Seit Jahren verteidigt NRW in der bundesweiten Stau-Statistik den Spitzenplatz: Laut ADAC verstopften im Jahr 2020 ein Drittel aller deutschen Staus nordrhein-westfälische Straßen. Zwar verdeutlicht eine Analyse des Statistischen Landesamts, dass die PKW-Dichte in NRW im bundesweiten Mittelfeld liegt. Doch es zeigt sich auch: Im Verhältnis zur Einwohnerzahl werden immer mehr Fahrzeuge angemeldet.

Viele hören darin einen Weckruf. Denn: Wenn die Straßen noch voller werden, leiden nicht nur die Nerven, sondern auch das Klima. Spätestens seit dem neuen Klimaschutzgesetz, das im Juli vom Landtag Nordrhein-Westfalen beschlossen wurde, kann das verkehrsreichste Bundesland sich das nicht mehr leisten: Bis zum Jahr 2045 soll NRW klimaneutral werden.

Initiativen für autofreie Innenstädte in NRW

Eine der Ideen, um das Verkehrsaufkommen langfristig zu senken, ist der Traum von autofreien Innenstädten. Kommunen wie in Münster, Bochum und Siegen wollen das ausprobieren: Am internationalen PARK(ing) Day, der diesjährig am 17. September stattfindet, werden dort Quartiere für den Autoverkehr gesperrt – und für einen Tag lang in kreative Nutzungsräume verwandelt.

Auch darüber hinaus gibt es in NRW diverse Initiativen, die Städte ohne Autos fordern. In Aachen etwa wurde jüngst eine Straße im Univiertel für den Autoverkehr gesperrt, um diese für kulturelle Veranstaltungen zu nutzen. In Köln planen die Fraktionen sogar, den Großteil der innerstädtischen Straßen Fußgänger:innen und Radfahrer:innen zu überlassen. Und auch in Münster setzen sich die Grünen im Stadtrat dafür ein, dass die Innenstadt bis zum Jahr 2025 autofrei wird.

Zugutekommen soll das nicht nur der Umwelt, sondern auch der Aufenthaltsqualität – ohne Stau, Lärm und schlechte Luft werden Städte attraktiver, meinen die Fans. Doch was für die einen nach einer besseren Zukunft klingt, das halten die anderen für eine Drohkulisse: So sei eine autofreie Stadt schwerer zugänglich oder gar eine Benachteiligung für sozial weniger Privilegierte.

Ist der Traum von autofreien Innenstädten in NRW also mehr als eine Utopie?

Acht Perspektiven

„Liberté, mobilité, urbanité“

Agora Verkehrswende, 22.02.2021 - Wolfgang Aichinger

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Die Perspektive in 30 Sekunden

„Die Debatte, wie die Dominanz des Autos in den Städten der Autonation Deutschland zurückgedrängt werden kann, ist überfällig“, findet der Mobilitätsexperte Wolfgang Aichinger. Damit die Stadt ohne Lärm und Stress keine Utopie bleibt, gelte es, Menschen für den Wandel zu begeistern, macht er im Blog des Think-Tanks AGORA VERKEHRSWENDE deutlich.

Der Begriff „Autofreiheit“ wecke starke Emotionen – sowohl positive als auch negative. Das führe zu einer polarisierten Diskussion, in der es nicht mehr um Argumente gehe. Umso wichtiger sei es, Begriffe zu finden, die mehr Menschen mitnehmen – und Neugier und Lust auf den Wandel wecken. Laut Aichinger müssen qualitative Ziele wie Bewegungsfreiheit ins Zentrum der Debatte gerückt werden. „Auf Französisch ließe sich das mit einem Dreiklang fassen: liberté, mobilité, urbanité“, schwärmt der Autor. Doch um positive Bezeichnungen für „autofreie“ Innenstädte und Quartiere zu entwickeln, brauche es sichtbare Projekte, die mit gutem Beispiel voranschreiten.

„Autos belegen den allergrößten Teil des Straßenraums – ein Ergebnis des jahrzehntelangen autogerechten Stadtumbaus – und verhindern so, dass Menschen zu Fuß oder mit dem Fahrrad sicher und bequem unterwegs sein können“, moniert Aichinger. Es sei wichtig, dieser Entwicklung zu trotzen. Denn: „Weniger Autos bedeutet auch neue Freiräume.“

Anmerkungen der Redaktion

Wolfgang Aichinger ist seit 2017 bei AGORA VERKEHRSWENDE tätig, einer Denkfabrik, die nach Kompromiss-Lösungen für den Umbau des Stromsektors innerhalb der Energiewende sucht. Aichinger hat Raumplanung studiert und befasst sich in erster Linie mit Themen, die einen starken Bezug zu öffentlichen Räumen aufweisen und mit Projekten zur erfolgreichen Kommunikation der Verkehrswende. Bis 2014 hat er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) gearbeitet. Dort hat er am Nationalen Radverkehrsplan mitgewirkt und Fortbildungen zur Radverkehrsförderungen konzipiert.

Die AGORA VERKEHRSWENDE ist eine Schwesterorganisation der AGORA ENERGIEWENDE. Die AGORA ENERGIEWENDE ist ein Think-Tank, der zu mehrheitsfähigen Kompromisslösungen zum nachhaltigen Umbau des Stromsektors forscht. Sie gilt als einer der wichtigsten Akteure auf dem Gebiet der Energiepolitik. Die AGORA VERKEHRSWENDE verfolgt ähnliche Ziele für den Verkehrssektor: Ziel ist es, dass im Verkehrssektor bis 2045 kein CO2 mehr ausgestoßen wird. Um dieses Ziel zu erreichen, werden ein Expertenrat eingesetzt, der viermal im Jahr tagt, und wissenschaftliche Studien durchgeführt. Zudem betreibt die AGORA VERKEHRSWENDE einen Blog, auf dem verschiedene Mitarbeiter:innen zu den Themen Verkehrswende Artikel veröffentlichen. Die AGORA VERKEHRSWENDE wird von der Stiftung Mercator und der European Climate Foundation (ECF) finanziert. Die Stiftung Mercator finanziert Projekte, die sich mit gesellschaftlichen Transformationen und der Rolle Europas in der Welt, dem Klimaschutz und der Digitalisierung auseinandersetzen. Die European Climate Foundation ist eine Stiftung, die Organisationen im Bereich Klimaschutz unterstützt: Meist verfolgen die Organisationen das Ziel der vollständigen CO2-Reduktion.

„Öko-Träumerei oder Zukunftsmodell?“

Deutschlandfunk Kultur, 05.12.2020 - Philine Gaffron

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Die Perspektive in 30 Sekunden

Die Mobilitätsforscherin Philine Gaffron hält den dichten Autoverkehr in deutschen Innenstädten für überaus schädlich. „Mobilität ist ein Grundbedürfnis, aber das heißt nicht Automobilität“, macht sie im Gespräch mit dem Hörfunksender DEUTSCHLANDFUNK KULTUR deutlich.

Mit einem gestärkten öffentlichen Verkehr, einer besseren Fahrradinfrastruktur und mehr Carsharing-Angeboten könne das Verkehrsaufkommen deutlich reduziert werden – trotz einer gesicherten Mobilität der Menschen. Nur so gelinge es, den Lärm zu mindern, die Luftqualität zu verbessern und Innenstädte zu gesunden und aktiven Orten zu machen. „Städte sind ja für Menschen gemacht“, gibt Gaffron zu bedenken. Doch für diese sei wegen des hohen Verkehrsaufkommens oft kaum noch Platz – denn auch durch die steigende Anzahl an Pendler:innen nehme der Stadtverkehr deutlich zu. „Öffentlicher Raum ist aber extrem wichtig für das gesellschaftliche Leben“, mahnt die Mobilitätsforscherin.

Zwar sei ein Mindestmaß an Autoverkehr in Städten unvermeidlich. Doch es gebe sehr positive Beispiele von „autoreduzierten“ oder „fußgängerfreundlichen“ Innenstädten: wie Kopenhagen oder Gent. Es gelte nun, diesen Beispielen zu folgen – und Autos möglichst aus Innenstädten herauszuhalten.

Anmerkungen der Redaktion

Philine Gaffron ist eine deutsche Verkehrswissenschaftlerin. Sie forscht zurzeit an der Technischen Universität in Hamburg: Dort ist sie am Institut für Verkehrsplanung und Logistik tätig. Zuvor ist sie am Institut for Transportation Studies an der University of California in den USA tätig gewesen. Sie hat an der britischen East Anglia University Ökologie im Bachelor und an der Universität in Edinburgh Landschaftsarchitektur im Master studiert. Ihren Doktor hat sie in der Verkehrsplanung gemacht.

DEUTSCHLANDFUNK KULTUR ist neben dem DEUTSCHLANDFUNK und DEUTSCHLANDFUNK NOVA eines der drei Programme des öffentlich-rechtlichen DEUTSCHLANDRADIOS. Im Gegensatz zu den beiden anderen Programmen liegt der Redaktionssitz von DEUTSCHLANDFUNK KULTUR in Berlin. Der Sender beschreibt sich selbst als „das Feuilleton im Radio“. Er hat es sich selbst zur Aufgabe gemacht, „die Kulturalisierung der Politik und die Politisierung der Kultur“ voranzutreiben.

„Gegen Machos helfen keine Schadstoffwerte“

Zeit Online, 09.07.2020 - Petra Pinzler

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Die Perspektive in 30 Sekunden

Es ist höchste Zeit, die Komfortzone zu verlassen und kreative Mobilitätskonzepte zu wagen, findet die Hauptstadtkorrespondentin Petra Pinzler. Denn längst hinke Deutschland im internationalen Vergleich hinterher: „Die Städte für Autos sperren? Trauen sich deutsche Bürgermeister nicht“, spottet sie in ihrer Kolumne auf ZEIT ONLINE.

Dabei beweise ein Blick ins Ausland längst, dass das Stadtleben ohne Autoverkehr keineswegs zum Stillstand führe: Längst seien in Madrid, Paris, Kopenhagen und Amsterdam ganze Quartiere für den Autoverkehr verboten. „Hierzulande aber scheint das immer noch unendlich schwer“, moniert Pinzler. Zwar habe die COVID-19-Pandemie auch in Deutschland einen Rad-Boom ausgelöst. „Doch mitnichten hat die Corona-Krise dazu geführt, dass ein Großteil der Autofahrerinnen und Autofahrer im Alltag komplett auf Rad, Bus und Bahn umsteigt“, kritisiert die Autorin. Das habe auch mit dem gesteigerten Geltungsbedürfnis der Deutschen zu tun: „Die Straße ist der Ort, an dem man schamlos seinen Status durchsetzen kann“, so Pinzler. Mit rationalen Argumenten lasse sich die Debatte um die Verkehrswende wohl nicht gewinnen.

Die Autorin plädiert für Taten statt Worte: „Wenn die deutschen Bürgermeisterinnen und Bürgermeister richtig was wagten, einfach mal ihre Städte sperrten, dann gäbe es wahrscheinlich einen kurzen, wilden Aufschrei. Und dann ein Staunen. Und nach ein paar Wochen eine Mehrheit für die dauerhaft autofreie Stadt“, prophezeit sie. Denn das Lebensgefühl einer sicheren und leisen Stadt sei das stärkste Argument.

Anmerkungen der Redaktion

Petra Pinzler ist Journalistin und Korrespondentin in der Hauptstadtredaktion der ZEIT. Die studierte Wirtschafts- und Politikwissenschaftlerin hat die Kölner Journalistenschule absolviert und für die ZEIT unter anderem auch aus den USA und aus Brüssel berichtet. Sie beschäftigt sich momentan hauptsächlich mit Klima- und Umweltpolitik. 2015 ist ihr Buch „Der Unfreihandel. Die heimliche Herrschaft von Konzernen und Kanzleien“ erschienen, in dem sie sich kritisch mit der europäischen Handelspolitik auseinandersetzt.

DIE ZEIT ist die größte deutsche Wochenzeitung und hat ihren Sitz in Hamburg. DIE ZEIT erscheint seit 1946 und wurde von ihren ersten beiden Chefredakteuren Ernst Samhaber und Richard Küngel zunächst als rechts-konservatives Blatt ausgelegt. Erst in den 1960er Jahren wurde die Wochenzeitung durch Marion Gräfin Dönhoff und den langjährigen Chefredakteur Theo Sommer als liberales Medium ausgerichtet. Dönhoff prägte DIE ZEIT bis 2002 und hat sie von 1968 bis 1972 herausgegeben, ab 1983 gemeinsam mit Altkanzler Helmut Schmidt. In gesellschaftspolitischen Fragen gilt DIE ZEIT als grundsätzlich (links-)liberal, hat allerdings auch viele Gastbeiträge aus dem gesamten Meinungsspektrum oder stellt Beiträge mit gegensätzlichen Meinungen gegenüber. Der NDR urteilt, DIE ZEIT gelte als „Blatt der Akademiker und Intellektuellen“ — und sei damit durchaus erfolgreich. Tatsächlich gehört DIE ZEIT zu den wenigen deutschsprachigen Printmedien, die seit der Digitalisierung an Auflage gewonnen haben. Zuletzt lag die Auflage bei rund 588.000 Exemplaren lag (2. Quartal 2021).

„»In Fußgängerzonen dürfen Sie nur laufen und kaufen – grauenhaft«“

Der Spiegel, 12.03.2021 - Christoph Mäckler, Ulrike Knöfel, Marianne Wellershoff

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Die Perspektive in 30 Sekunden

Der Vision einer autofreien Stadt kann der Architekt Christoph Mäckler nichts abgewinnen. Die resiliente Stadt sei die Stadt der Vielfalt – und der Mobilität komme dabei eine entscheidende Rolle zu: „Die öffentlichen Straßen sind ihre Lebensadern“, gibt er im SPIEGEL-Interview mit den Autorinnen Ulrike Knöfel und Marianne Wellershoff zu bedenken.

An den Fußgängerzonen lasse sich die Eintönigkeit der heutigen Städte inzwischen gut beobachten: „Da dürfen sie nur laufen und kaufen, sonst nichts“, kritisiert Mäckler. Es sei nicht weiter überraschend, dass immer mehr Menschen diese Einkaufsstraßen meiden – denn dort herrsche eine „grauenhafte Stimmung“. Hier gelte es gegenzusteuern: „Die europäische Stadt sollte ihre Zentren als normale Viertel, mit normalen Stadtstraßen wiederbeleben, so wie wir sie früher kannten.“ Dazu gehöre etwa eine Mischung aus Wohnen, Arbeiten, Einkaufen und Gastronomie – aber eben auch der Autoverkehr: „Zu diesem sozialen Raum gehört, dass er zugänglich ist für Leute, die zu Fuß laufen, die mit dem Fahrrad, E-Scooter oder Pkw fahren“, mahnt Mäckler.

Damit das nicht zulasten der Umwelt geht, werde es bald neue Antriebstechnologien geben. „Dann kann ich auf einer Bank sitzen, und auf der Straße vor mir fahren leise, emissionsfreie Autos, die nicht mit einem im Grunde vor 100 Jahren erfundenen Ottomotor angetrieben werden“, sieht der Architekt voraus. Der Autoverkehr sei für belebte Innenstädte unverzichtbar.

Anmerkungen der Redaktion

Ulrike Knöfel ist Redakteurin beim SPIEGEL. Sie schreibt dort hauptsächlich über Kultur-Themen. Laut dem MEDIUM-MAGAZIN für Journalistinnen und Journalisten lädt sie diese immer auch gesellschaftspolitisch auf: So hat sie beispielsweise die bayerischen Behörden im Fall Cornelius Gurlitt kritisiert. Dieser ist der Erbe der Kunstsammlung seines Vaters gewesen, die viele Fälle von NS-Raubkunst enthalten haben soll. Den bayerischen Behörden hat Knöfel in diesem Zusammenhang Tatenlosigkeit vorgeworfen.

Marianne Wellershoff ist Autorin beim SPIEGEL und beschäftigt sich mit den Themen Wissenschaft, Gesellschaft und Kultur. Von 2002 bis 2015 hat sie die Redaktion des KULTURSPIEGEL geleitet, eine mittlerweile eingestellte SPIEGEL-Beilage. Zuvor hat Wellershoff Psychologie studiert und danach die renommierte Henri-Nannen-Schule für Journalist:innen in Hamburg besucht. Mittlerweile arbeitet sie als Blattmacherin bei SPIEGEL-Wissen und als Autorin für SPIEGEL und SPIEGEL-ONLINE.

Christoph Mäckler ist ein deutscher Architekt und Wissenschaftler. Er hat einen Lehrstuhl für Städtebau an der Technischen Universität in Dortmund inne. Mäckler hat Ar­chi­tek­tur in Darmstadt und Aachen studiert und mehrere Gastdozenturen und -professuren in Kassel, Neapel, Braunschweig und Hannover inne gehabt. Seit 2008 ist Christoph Mäckler Di­rek­tor des Instituts für Stadtbaukunst an der TU Dortmund. Das Institut für Stadtbaukunst beschäftigt sich mit dem Städtebau aus verschiedenen Blickwinkeln: sowohl künstlerisch, als auch sozial, politisch und ökologisch.

DER SPIEGEL ist ein deutsches Nachrichtenmagazin, das 1947 von Rudolf Augstein gegründet worden und zuletzt (2/21) in einer Auflage von knapp 676.000 Exemplaren erschienen ist. DER SPIEGEL zählt zu den deutschsprachigen Leitmedien: Er prägt die gesellschaftliche Debatte und Öffentlichkeit. In den Jahren 2019 und 2020 war das Magazin das meistzitierte Medium in Deutschland. Eine besondere Rolle im Magazin nimmt bis heute der investigative Journalismus ein. 1963 führten eine solche Recherche und die sogenannte SPIEGEL-Affäre dazu, dass der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Strauß sein Amt räumen musste. DER SPIEGEL wird traditionell als eher linksliberales Medium gesehen, auch in Abgrenzung zu den anderen großen deutschen Nachrichtenmagazinen, dem FOCUS und dem STERN. Bereits Gründer Rudolf Augstein verortete sein Magazin „im Zweifel links“. 1994 wurde der dem SPIEGEL zugehörige, aber redaktionell unabhängige Online-Nachrichtendienst SPIEGEL ONLINE gegründet. Seit dem 8. Januar 2020 heißt auch das Online-Portal DER SPIEGEL, nachdem die Redaktionen der beiden Medien 2019 zusammengelegt wurden. Dennoch ist das Online-Portal immer noch rechtlich und wirtschaftlich unabhängig, da es von einer Tochtergesellschaft betrieben wird. DER SPIEGEL (online) zählt zu den fünf meistbesuchten Nachrichten-Webseiten in Deutschland. 2018 wurde bekannt, dass der langjährige Mitarbeiter Claas Relotius wesentliche Inhalte von (teils preisgekrönten) SPIEGEL-Reportagen erfunden hatte. Hiernach reichte Relotius seine Kündigung ein. Das Blatt sprach von „einem Tiefpunkt in der 70-jährigen Geschichte des SPIEGEL“.

„Ist es radikal, die Städte autofrei zu machen?“

Süddeutsche Zeitung, 05.01.2021 - Teresa Bücker

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Die Perspektive in 30 Sekunden

Für die Kolumnistin Teresa Bücker setzt die Frage nach der autofreien Stadt am falschen Ende der Radikalität an. Aus ihrer Sicht ist die Zeit dafür noch nicht reif: „Wir müssen uns nicht zunächst die Stadt ohne Autos vorstellen, sondern zuerst eine andere Stadt“, mahnt sie in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG.

In der Diskussion müsse es vielmehr darum gehen, wie das Leben in Städten gerechter und gleichberechtigter werden kann – und vor allem auch darum, welche Veränderungen die Menschen sich wünschen. Im Kern sei schließlich wichtig, die Stadt zu einem lebenswerteren Ort für alle Menschen zu machen. „Dazu gehört auch, dass einige Menschen ihre Autos behalten dürfen – da sie ohne ihr Auto noch stärker benachteiligt würden als ohnehin schon“, findet Bücker. Ein Autoverbot wirke sich auch zulasten der Geschlechtergerechtigkeit aus: „Denn beginnt man damit, Autos aus Städten zu verbannen ohne zu berücksichtigen, wie komplex die Alltagswege von Menschen sein können, würde man aktuell vor allem Frauen, deren Mobilitätserfordernisse ohnehin aufwendig und zeitintensiv sind, das Leben noch schwerer machen.“ Der ÖPNV werde Familien – und somit überwiegend Müttern – momentan jedenfalls keineswegs gerecht. 

Laut Bücker werden Alltagsbedingungen in der Debatte um autofreie Städte zu oft übersehen: „Wie Menschen leben, die vom gesunden, berufstätigen, finanziell gut gestellten Durchschnittsmann abweichen.“ Die Idee der autofreien Stadt orientiere sich mehr an Klischees als an Fakten. Denn für viele Menschen biete die kommunale Verkehrspolitik noch immer keine hinreichenden Alternativen zum Pkw.

Anmerkungen der Redaktion

Teresa Bücker ist freie Journalistin und bezeichnet sich selbst als Feministin. Sie ist Ressortleiterin für Community und Social Media der Wochenzeitung DER FREITAG gewesen, Referentin für Digitale Strategie des SPD-Parteivorstands und Referentin für Social Media der SPD-Bundestagsfraktion sowie Chefredakteurin des feministischen Onlinemagazins EDITION F. Sie schreibt außerdem für die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG, die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG und DIE ZEIT.

Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG (SZ) ist eine deutsche überregionale Tageszeitung aus München. Sie erscheint seit 1945 als Nachfolger der Münchener Neueste Nachrichten. Seit 1947 wird sie von der „Süddeutschen Verlags GmbH“ produziert und ist besonders durch ihre „Seite Drei-Reportagen“ und die kritische Glosse „Streiflicht“ bekannt. Mit einer Auflage von zuletzt 311.000 (2/2021) ist sie in Deutschland nach der BILD die zweitmeist verkaufte deutsche Tageszeitung, auch wenn ihre Auflage insgesamt abnimmt. Die Blattlinie der Zeitung gilt als linksliberal. Zusammen mit dem WDR und dem NDR hat die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG einen investigativen Rechercheverband, der zahlreiche investigative Recherchen veröffentlicht hat, u.a. zu Steuerschlupflöchern und über die Ibiza-Affäre um den FPÖ-Vorsitzenden Strache. Für die Aufklärung über die Panama Papers erhielten SZ-Journalist:innen 2017 einen Pulitzer-Preis für investigative Recherche.

„Umfrage: Deutliche Mehrheit der Deutschen ist gegen autofreie Innenstädte“

Business Insider, 31.07.2021 - Jonas Feldt, Tristan Filges

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Die Perspektive in 30 Sekunden

Laut einer BUSINESS INSIDER-Umfrage aus dem Juli stehen die meisten Deutschen der Vision von Spaziergängen auf den Straßen, Blumenbeeten statt Parkplätzen und Cafés statt Verkehr eher skeptisch gegenüber. „[G]anz verbannen will kaum jemand die Blechbüchsen aus dem Stadtbild“, resümieren die Autoren Jonas Feldt und Tristan Filges.

Bundesweit zeige sich, dass der Vorschlag, den privaten Autoverkehr aus den Innenstädten zu verbannen, keine mehrheitliche Zustimmung findet: Nur 28,6 Prozent der Befragten sprechen sich laut der Umfrage dafür aus, Autos aus der Stadt zu verbannen. Am wenigsten Zuspruch erhalte die autofreie Stadt von AfD-Wähler:innen: „Hier sprechen sich nur 6,9 Prozent für die Forderung aus, ganze 91 Prozent sind dagegen“, so die Autoren. Kommunale Initiativen dürften es daher wohl eher schwer haben, die Städte von Pkws zu befreien, urteilen sie.

Die Umfrage zeige aber auch, dass die Zustimmung mit der Besiedelungsdichte steigt: „Während in den eher dünn besiedelten Gebieten 74,6 Prozent den Vorschlag ablehnen, ist fast die Hälfte der Befragten in Gebieten mit sehr hoher Bevölkerungsdichte dafür.“ Das liege vermutlich daran, dass der öffentliche Verkehr in Ballungsräumen besser ausgebaut sei. Zudem gebe es unter den Wähler:innen der Grünen mit 63,4 Prozent eine Mehrheit für die Forderung, privaten Autoverkehr in Innenstädten zu verbieten. Und: Zwar könne die Mehrheit der Linken der Idee nichts abgewinnen, so finde sich bei den Anhänger:innen der Linkspartei mit 46,1 Prozent ebenfalls eine hohe Zustimmung für den Traum von autofreien Innenstädten.

 

Anmerkungen der Redaktion

Tristan Filges hat 2014-2020 Physik und Angewandte Volkswirtschaftslehre in Heidelberg und Bonn studiert. Nach Tätigkeiten als studentische Hilfskraft bei der DEUTSCHEN WELLE und bei dem TV-Sender PHOENIX ist er seit 2021 Volontär beim Wirtschaftsmagazin BUSINESS INSIDER.

Jonas Feldt ist Volontär bei der Axel-Springer-Akademie und seit 2019 Doktorand an der Berliner Charité zum Thema Medizingeschichte. Er hat Politologie und Geschichtswissenschaften an der Freien Universität Berlin studiert. Ein Praktikum hat ihn ursprünglich zur WELT geführt. Danach hat er für vier Jahre bei der DEUTSCHEN WELLE gearbeitet, bevor er sein Volontariat bei der Axel-Springer-Akademie begann. Seither schreibt er Artikel für DIE WELT und BUSINESS INSIDER.

BUSINESS INSIDER ist ein US-amerikanisches Unternehmen, das seit 2009 mehrere Nachrichtenseiten betreibt. Neben einer Website für globale Themen aus Politik und Wirtschaft gibt es auch den Tech Insider und Markets Insider. Zudem betreibt BUSINESS INSIDER Onlineausgaben für Australien, Indien, Malaysia, Indonesien, Singapur, China, Großbritannien, Südafrika und Dienste in den Landessprachen für Deutschland und Polen. Seit 2015 hält die Axel Springer SE 97 Prozent der Unternehmensanteile, den Rest besitzt Unternehmer Jeff Bezos, Gründer von Amazon und Investor der THE WASHINGTON POST. Die Website wurde mehrfach öffentlich für ihre polarisierenden Schlagzeilen, das sogenannte Clickbaiting, kritisiert.

„Mobilitäts-Mix – so sieht der Verkehr der Zukunft in den Städten aus“

Der Stern, 15.10.2020 - Gernot Kramper

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Die Perspektive in 30 Sekunden

Der Redakteur Gernot Kramper hält das eigene Auto in Innenstädten für ein Auslaufmodell. Wie es gelingen kann, die Mobilität anstelle dessen zu sichern, hat der Redakteur im Wochenmagazin DER STERN zusammengefasst.

  • Entscheidend seien etwa Sharing-Angebote: „Sie ermöglichen es, ein Auto ohne viel Aufwand auch für kurze Zeit zu mieten“, lobt Kramper. Das sei angesichts hoher Pkw-Grundkosten nicht nur günstiger. Durch das Leihen von Fahrrädern, Motorrollern oder E-Scootern könne das Fortbewegungsmittel auch spontan und überall in der Stadt genutzt werden.
  • Außerdem komme E-Bikes eine wichtige Rolle zu. „Der E-Biker fährt häufiger und längere Strecken“, gibt Kramper zu bedenken. Mit dem E-Rad könne auch eine unsportliche Person Entfernungen bis zu zwölf Kilometern zurücklegen. Menschen in Städten seien dadurch deutlich weniger auf Autos angewiesen, denn ein E-Bike mache die Innenstadt „leicht erfahrbar“.
  • Auch auf Innovationen wie Leichtkraftfahrzeuge hält Kramper große Stücke. Dabei handele es sich um Fahrzeuge, die deutlich kleiner, billiger und leichter als ein herkömmlicher Pkw sind. Zwar seien sie mit einer reduzierten Geschwindigkeit für Reisen ungeeignet – nicht aber für Städte, meint der Autor: „Sie passen von vornherein besser in die lebenswerte City als ein überdimensioniertes SUV.“
  • Daneben können autonome Fahrzeuge den Stadtverkehr entlasten, verspricht Kramper: „Drängeln, Hupen, Geschwindigkeitsübertretungen – all das macht ein autonomes Fahrzeug nicht.“ Der Autor glaubt, dass das den öffentlichen Verkehr revolutionieren kann: „Man ruft sie wie ein Taxi und wird zum gewünschten Ziel gebracht. Und das zu einem vertretbaren Preis, denn es fallen keine Lohnkosten an.“

Von radikalen Schritten geht Kramper in Deutschland vorerst aber nicht aus: „Nach wie vor geben Normen und Vorschriften dem Kraftverkehr Vorrang vor anderen Interessen.“ Um wirklich etwas zu bewegen, sei auch eine Neugestaltung der Straßen notwendig – und das koste Geld, das nicht vorhanden sei. „Doch der Druck an der Basis wächst“, mahnt er.

Anmerkungen der Redaktion

Gernot Kramper ist Redakteur im Autoressort beim STERN. Kramper ist seit 1999 beim Verlag Gruner + Jahr tätig, der auch den STERN verlegt. Vorher hat er unter anderem für DIE ZEIT geschrieben. Beim STERN beschäftigt sich Kramper neben Auto-Themen auch mit Waffen-Technologien und neuen Technologien zum Umweltschutz.

Der STERN ist ein 1948 von Henri Nannen gegründetes Wochenmagazin. Die verkaufte Auflage lag im zweiten Quartal von 2021 bei etwa 360.000. Der STERN wird zu den Leitmedien gezählt, also solche, die einen besonderen Einfluss auf die öffentliche Meinung und auf andere Massenmedien ausüben. In ihrer politischen Grundausrichtung beschreibt das Goethe-Institut den STERN als „tendenziell eher links“. Das Magazin beleuchtet politische und gesellschaftliche Themen, bietet klassische Reportagen und porträtiert Prominente. Ein besonderer Fokus liegt – ähnlich dem US-amerikanischen TIMES Magazin – auf Fotografie.

„Straßensperrungen und Geld für Bürger: Wie Bielefeld gegen das Auto kämpft“

Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND), 09.07.2021 - Matthias Schwarzer

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Die Perspektive in 30 Sekunden

Wie Bielefeld gegen das Auto kämpft, hat sich RND-Redakteur Matthias Schwarzer angeschaut. Denn was in der ostwestfälischen Stadt passiere, sei fast schon ein bisschen revolutionär:

„Wer in Bielefeld sein Kfz dauerhaft abmeldet, bekommt 1000 Euro von der Stadt geschenkt“, lobt der Autor. Zwar richte sich das Angebot vorerst nur an 50 Einwohner:innen. Aber: „Sollten sich mehr Haushalte an der Aktion beteiligen wollen, entscheidet das Los“, so Schwarzer. Ausgegeben werden dürfe das Geld für ein nachhaltiges Verkehrsmittel – etwa für ein gebrauchtes Fahrrad, ein E-Bike oder für eine ÖPNV-Fahrkarte.

Doch das sei nur eine Maßnahme der Stadt, dessen Altstadt seit Mitte Juni autofrei ist. Denn selbst wer nicht dauerhaft aufs Auto verzichten möchte, bekomme eine Prämie: „Wer sein Fahrzeug in Bielefeld mindestens drei Monate lang stehen lässt, erhält 400 Euro Zuschuss“, schreibt Schwarzer. In der Altstadt seien nun große Verbotsschilder zu finden – und patrouillierende Mitarbeiter:innen des Ordnungsamtes. „Dort, wo früher Parkbuchten für Fahrzeuge waren, haben Gastronomen Tische und Stühle aufgebaut, man sieht Holzpaletten, auf denen Blumen stehen“, beschreibt Schwarzer.

Bielefeld ist Vorreiter

Prämien und Straßensperrungen seien Teil eines Modellprojekts, vorerst befristet bis Februar 2022. Neben der Stadt habe auch die Bevölkerung an der Umsetzung mitgewirkt – auch wenn diese sehr gespalten auf die autofreie Altstadt reagiere. Im Herbst solle eine repräsentative Befragung daher die Stimmungslage ermitteln. „Mit seiner drastischen Abkehr vom Auto ist Bielefeld in Deutschland Vorreiter“, so Schwarzer. Zwar habe auch die fahrradfreundliche Stadt Münster im Juni eine Straße zur autofreien Zone umgebaut – aber über drastischere Pläne werde noch gestritten. Auch Köln diskutiere derzeit noch über autofreie Zonen rund um den Dom.

Vorbilder für das Bielefelder Modell seien vielmehr Metropolen im europäischen Ausland gewesen – etwa Gent in Belgien, Wien in Österreich oder Ljubljana in Slowenien. Auch an der Fußgängerstadt Pontevedra in Spanien habe sich die ostwestfälische Stadt orientiert.

Anmerkungen der Redaktion

Matthias Schwarzer ist Journalist und Redakteur im Unterhaltung-Ressort beim REDAKTIONSNETZWERK DEUTSCHLAND. Er hat zuvor als Videoproduzent und Online-Journalist unter anderem für das Ruhrpott-Magazin CHECKPOTT gearbeitet. Außerdem ist Schwarzer als Musikproduzent tätig und hat als freier Mitarbeiter auch für die WESTFÄLISCHEN NACHRICHTEN geschrieben. Schwarzer hat Technikjournalismus und Public Relations studiert.

Das REDAKTIONSNETZWERK DEUTSCHLAND (RND) ist eine 2013 gegründete überregionale Nachrichtenplattform der Madsack Mediengruppe. Der RND ist das Ergebnis von Umstrukturierungen und Sparmaßnahmen bei Lokalzeitungen: Der RND verkauft sein Angebot von überregionalen Nachrichten unter anderem an lokale Tageszeitungen wie die LEIPZIGER VOLKSZEITUNG, die MÄRKISCHE ALLGEMEINE oder die OSTSEE-ZEITUNG. Die Madsack Mediengruppe gehört zu 23 Prozent der Deutschen Druck- und Verlagsgesellschaft (DDVG), die die Medienbeteiligungen der SPD verwaltet.