Brotschneidemaschine der Familie Hertz

„Herr Ballhaus, wir brauchen die Maschine hier nicht mehr und mitnehmen dürfen wir sie auch nicht. Heben Sie sie für uns auf und falls wir wiederkommen, weiß ich, dass wir sie von Ihnen wiederbekommen!“.

Mit diesen Worten verabschiedete sich Grete Hertz im Sommer 1942 von ihrem Nachbarn in der Fährstraße 6 in Petershagen. Der Schmied Carl Ballhaus war ein Freund der jüdischen Familie Hertz, ihm konnte man vertrauen. Schon knapp vier Jahre zuvor hatte er seine Solidarität unter Beweis gestellt, als er während der antijüdischen Aktionen im November 1938 mutig einschritt und den Brand löschte, der das Haus der Familie Hertz zu vernichten drohte.

Und nun, am 30. Juli 1942, einem Donnerstagabend, brachte Grete Hertz die Brotschneidemaschine, nachdem sie ihren ganzen Haushalt hatte auflösen müssen: Am nächsten Tag sollten sie, ihr Mann Viktor Hertz und ihre Kinder, die Zwillinge Hanni und Siegbert, von Münster aus nach Theresienstadt deportiert werden. Schon ein halbes Jahr zuvor, am Silvesterabend 1941, war der Sohn Erich nach Riga verschleppt worden.

„… und falls wir wiederkommen.“ Ob Grete Hertz wirklich daran glaubte, wieder nach Petershagen zurückzukommen? Sicher ist, dass Grete Hertz mit ihrer Familie über zwei Jahre lang im Ghetto Theresienstadt lebte, bevor sie alle zusammen am 6. Oktober 1944 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort vermutlich sofort ermordet wurden.

Aber die Brotschneidemaschine gibt es immer noch, und dafür sorgte der Schmied Carl Ballhaus. Er verwahrte sie getreulich und vererbte sie an seinen Sohn Karlheinz Ballhaus. Der wiederum gab sie seiner Tochter Anette Ballhaus, die im Jahr 2009 in Oldenburg verstarb. Nun sorgten ihr Lebensgefährte Helmut Ollmetzer und ihre Freunde Dieter Schmidt und Ursula Busse dafür, dass das Erinnerungsstück der Familie Hertz erhalten blieb und nicht auf dem Müll landete – was leicht hätte geschehen können!

Aufmerksam und umsichtig organisierten sie gemeinsam mit Bernhard Brey die Übergabe der Brotschneidemaschine an die jüdische Schule in Petershagen. Helmut Ollmetzer wies dabei darauf hin, dass Carl Ballhaus ein Beispiel und Vorbild für mutiges und solidarisches Handeln gewesen sei und dass es eben auch solche aufrechten Menschen in Petershagen gegeben habe. Und er ergänzte: „Möge dieser Gegenstand für nachfolgende Generationen Mahnung und Verpflichtung sein, dass solche Verbrechen an unseren Mitbürgern in Deutschland nie wieder möglich sein werden".

Heute ist die Brotschneidemaschine ein ganz wichtiges Stück in der Ausstellung der Alten Synagoge Petershagen, weil sie eine Geschichte von Nachbarschaft, von Vertrauen und von der Kraft der Erinnerung erzählen kann.

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