Das Fluchtfahrrad von Ernst Humberg

Ein Fahrrad ist für die meisten Menschen ein alltägliches Fortbewegungsmittel – und das war es bis zum 9. November 1938 auch für Ernst Humberg, einem jüdischen Viehhändler aus Dingden in Westfalen. Er war mit seinem Fahrrad und der Kornernte zu einem befreundeten Bauern gefahren, hatte das Korn gedroschen und als er damit fertig war, ließ er das Fahrrad eines platten Reifens wegen zurück. Die Reifenpanne sollte sein Leben retten.

Am Abend des 9. November 1938 brannten in Deutschland die Synagogen. Auf Anweisung führender Nationalsozialisten griffen SA-Gruppen jüdische Menschen und Einrichtungen an. Auch vor dem Haus von Ernst Humberg und seiner Familie versammelte sich die SA. Der hochschwangeren Hilde Humberg gelang es nicht, den Mob aufzuhalten. Aber ihr Protest zögerte das gewaltsame Eindringen hinaus. So konnte ihr Ehemann entkommen.

Ernst Humberg lief zu jenem Hof, wo sein Fahrrad stand. Dort erhielt er nicht nur Essen, Kleidung und Schuhe, sondern auch das Fahrrad zurück. Der Freund hatte den kaputten Reifen repariert. Auf dem Fahrrad floh Ernst Humberg in die Niederlande, wohin später auch Hilde mit der neugeborenen Tochter Ruth gelangte. Von dort aus emigrierte die Familie nach Kanada. Das Fahrrad nahm sie mit.

Das und vieles mehr aus dem Leben der Familie zeigt der Heimatverein Dingden e.V. im früheren Wohnhaus der Humbergs. Dieser Geschichtsort entstand aus einem Zufall: Der Heimatverein suchte nach geeigneten Räumen für seine umfangreichen heimatgeschichtlichen Sammlungen, als neben dem vereinseigenen Heimathaus eine Immobilie frei wurde. Es handelte sich um das Wohn- und Geschäftshaus der Familie Humberg.

Bei der Restaurierung kamen unerwarteterweise zahlreiche Details der Hausgeschichte zum Vorschein. So ist neben Wandornamenten und Steinböden eine Privatmikwe erhalten, ein jüdisches Badebecken für rituelle Reinigungen. Daher gab der Verein seine ursprüngliche Absicht auf, die heimatgeschichtliche Ausstellung zu erweitern. Stattdessen wurden das Haus selbst, seine Geschichte und die seiner Bewohner zum Thema.

Am Beispiel der Familie Humberg lassen sich jüdisches Leben am Niederrhein und in Westfalen, ihre Stellung in der Dorfgesellschaft, die Zerstörung der Familie, die Verfolgung und Ermordung ihrer Mitglieder und der weitere Lebensweg der emigrierten Überlebenden und ihrer Nachkommen nachzeichnen. Zugang zu dieser Geschichte schaffen die Erinnerungen der Nachfahren und früherer Nachbarn – vor allem aber konkrete Alltagsgegenstände, die wieder ihren Platz im Humberghaus gefunden haben.

Dazu zählt auch das Fahrrad. Mehr als 70 Jahre nach der Flucht Ernst Humbergs fand es 2012 seinen Weg zurück nach Dingden. Ruth Humberg brachte es zur Eröffnung des Humberghauses mit. Dort erzählt es nun davon, wie aus einem alltäglichen Gegenstand ein Symbol werden kann: für Angst und Flucht, für Tod, Überleben und Neuanfang, aber auch für Freundschaft und Hilfe in der Nachbarschaft.

Von den sieben Geschwistern der Familie Humberg gelang nur dreien die Flucht und die Emigration nach Kanada: Ernst, seinem Bruder Siegmund und seiner Schwester Frieda. Die Geschwister Johanna, Wilhelm, Helene und Leopold wurden in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten ermordet.

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