Wie ein Desinfektionshandapparat zum Machtmittel der Gestapo wurde

Ob im Krankenhaus, in Behörden oder in Einrichtungen der Altenpflege: Fast jeder Mensch in Deutschland hat sich schon einmal die Hände unter einem Desinfektionsapparat eingesprüht. Wo Menschen gemeinsam den Alltag gestalten, soll Desinfektion normalerweise verhindern, dass sich Keime ausbreiten und der gemeinsame Alltag zusammenbricht.

Auch der im NS-Dokumentationszentrum in Köln ausgestellte Desinfektionshandapparat war ein alltäglich genutzter Gegenstand zur Verhinderung von Krankheiten. Allerdings ging es im ehemaligen Gestapo-Untersuchungsgefängnis am Appellhofplatz gerade nicht um menschliche Gemeinschaft. Hier hatte Desinfektion das Ziel, die Haftbedingungen zu verschärfen und die Anzahl der Häftlinge immer weiter vergrößern zu können, ohne die eigenen Beamten oder die Nachbarschaft zu gefährden.

Im Keller des als EL-DE-Haus bekannten Gebäudes waren zwischen 1935 und 1945 hunderte Menschen inhaftiert, darunter politische Gegner, Juden, Sinti, Roma und ab 1939 immer mehr Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Vor allem in der Endphase des Krieges waren die Haftbedingungen im EL-DE-Haus katastrophal. Auch in den Einzelzellen mit einer Größe von gerade fünf Quadratmetern waren 15 oder mehr Menschen gleichzeitig eingesperrt. Ihre Notdurft verrichteten sie in gemeinsam genutzte Eimer. Waschgelegenheiten gab es nur unregelmäßig.

Unter solchen Bedingungen herrscht eine enorme Seuchengefahr. Den Tod der Häftlinge hätte die Gestapo wohl billigend in Kauf genommen. Allerdings steht das EL-DE-Haus inmitten der Kölner Innenstadt. Eine Seuche hätte nicht nur auf die Polizeikräfte übergehen können, sondern auch auf die Nachbarschaft, die Stadt und das Umland übergreifen können. Also suchte die Gestapo einen Weg, die Seuchengefahr zu bannen, ohne die Überbelegung aufzugeben und die Bedingungen für die Gefangenen verbessern zu müssen.

Als eine Lösung dieses Dilemmas installierte die Gestapo 1943 eine Dusche zur Desinfektion. Den Handapparat setzte sie dafür ein, keimtötende Mittel in den Zellen zu versprühen, ohne die hygienischen Bedingungen wirklich zu verbessern. Der Apparat war damit Teil des wachsenden Terrors der Gestapo – und als solcher so unscheinbar, dass er beim Aufbau der Gedenkstätte fast übersehen worden wäre.

Seit 1981 ist das ehemalige Gestapo-Gefängnis für Besucher zugänglich. Vor allem die unzähligen Inschriften an den Zellenwänden legen Zeugnis von Leben und Leiden der Häftlinge ab. Sie ritzten ihre Gedanken und Sorgen mit Nägeln in die Wand und verwendeten Kohle oder Lippenstift. Namen und Herkunft, Protest und Widerstandsgeist, Hoffnung und Sehnsucht, Haft- und Lebensbedingungen, Folter und Verhör, aber auch Abschiedsworte können die Besucherinnen und Besucher von den Wänden ablesen.

Doch erst 20 Jahre später stieß der Leiter der Gedenkstätte bei Umbauarbeiten auf ein etwa 50 Zentimeter großes, metallenes Gerät mit Druckluftventil, Messanzeige und der Markenaufschrift „Mentor“. Recherchen ergaben, dass es sich dabei um einen in den 1940er Jahren weit verbreiteten Desinfektionshandapparat handelte. Seine Bedeutung ergibt sich erst aus der Einordnung in den Kontext des Gefangenenalltags: In der Ausstellung des Kölner EL-DE-Hauses steht das Gerät als Beispiel dafür, dass die eigentliche Funktion alltäglicher Gegenstände in ihr Gegenteil verkehrt wurde.

Nach der Gründung des Dokumentationszentrums 1979 und der Einrichtung der Gedenkstätte im ehemaligen Gestapogefängnis, wurde eine Dauerausstellung entwickelt, Archiv, Sammlung und Bibliothek ausgebaut sowie eine pädagogische Abteilung aufgebaut. Mit fast 90.000 Besucherinnen und Besuchern jährlich ist das EL-DE-Haus heute die meist besuchte Gedenkstätte in Nordrhein-Westfalen. Aktuell wird daran gearbeitet, in den demnächst freiwerdenden oberen beiden Stockwerken des EL-DE-Hauses ein „Haus für Erinnerung und Demokratie“ aufzubauen.

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