Das Foto vom Gedenken der Familie Kucenko am Kriegsgrab des Vaters

„Ich habe das Gefühl, meinen Vater zurückbekommen zu haben.“ 2010 besuchte Dimitrij Kucenko mit seiner Frau Valentina und seinem Sohn Volodimir die Gedenkstätte Stalag 326 (VI K) Senne. Drei Tage lang fuhren sie mit dem Auto von Odessa bis in die Senne, um endlich Abschied vom seit 1944 als vermisst geltenden Vater Iwan Ustinovich Kucenko zu nehmen. Eine einzige Erinnerung hatte der heute 70jährige Ukrainer an seinen Vater: wie sehr seine Mutter weinte und mit ihm auf dem Arm hinter dem Auto herlief, das den Vater zum Kriegseinsatz abholte. Dessen Schicksal blieb lange ungeklärt.

Erst im Frühjahr 2008 hatte die Suche nach dem Vater ein Ende. Mit Hilfe des Gedenkstättenteams konnte die Familie in Archivunterlagen die letzte Ruhestätte ermitteln. Dimitrij Kucenko brachte Erde vom Grab der Mutter mit und nahm Erde vom Ehrenfriedhof sowjetischer Kriegstoter mit. Die Eltern sollten endlich wieder vereint sein. Die orthodoxe Andacht mit Erzpriester Sergei Ilin hält das Bild fest.
Der 1909 geborene Vater verstarb am 26. Februar 1942, er wurde in einer der 36 Massengräber-reihen verscharrt. Vermutlich bis zu 65.000 sowjetische Kriegsgefangene liegen in diesen Massen-gräbern. Durch ihre Recherchen konnten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gedenkstätte knapp 16.000 Namen auf dem Ehrenfriedhof zuordnen.

Während des Rundgangs durch die Ausstellung entdeckte Dimitri Kucenko auf einem alten Foto einen weiteren Hinweis auf seinen Vater. Dort ist eine Gruppe von nackten Kriegsgefangenen zu sehen. Der abgemagerte Zustand seines Vaters schockierte Dimtrij Kucenko. Das Foto entstand in der sogenannten „Entlausung“. Dort wurden die Kriegsgefangenen ab 1942 desinfiziert. Diese Pro-zedur empfanden viele Kriegsgefangene als menschenunwürdig. Nach der Entkleidung mussten sich die Kriegsgefangenen gegenseitig sämtliche Körperhaare mit Rasierklingen entfernen.

Seit 1996 gibt es die Gedenkstätte im ehemaligen Arrestgebäude des Stalags 326 (VI K) Senne. Sie wird von einem bereits drei Jahre früher gegründeten Förderverein getragen. Heute gehört neben Forschung und Bildungsarbeit die Schicksalsklärung der Kriegsgefangenen zu den wichtigsten Auf-gaben der Gedenkstätte. Die Einrichtung erreichen fast wöchentlich Suchanfragen. Damit steht das Beispiel von Dimtrij Kucenko stellvertretend für viele Familien, die bis heute noch auf der Suche sind und endlich Klarheit über den Verbleib des Familienangehörigen haben wollen. Die spür-bare Trauer und ebenso die Freude und Dankbarkeit, sich nach Jahrzehnten der Ungewissheit persönlich am Grab verabschieden zu können, ist vielen Angehörigen sehr wichtig.
Die Geschichte Dimtrij Kucenkos ist eine von insgesamt fünf Geschichten in der Dauerausstellung. Sie verdeutlichen, dass die Gedenkstätte neben ihrem erinnerungskulturellen Auftrag buchstäblich ein Ort für persönliches Gedenken ist. Denn hinter jedem Kriegstoten steckt ein familiäres Schicksal. In allen Lebensbereichen ist der Verlust zu spüren und prägt bis heute die Lebensgeschichten der Angehörigen.

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