Die Fragmente der Bonner Synagoge

Fast verloren stehen zehn bis zu 40 cm hohe und mehrere Kilo schwere verzierte Fragmente im gemeinsamen Foyer von Gedenkstätte und Stadtmuseum Bonn. Diese Bruchstücke stammen nicht aus dem Altertum oder dem Mittelalter, sondern sind Zeugen aus dem 19. Jahrhundert. Zeugen dafür, dass es in Bonn eine lebendige jüdische Gemeinde gab, die über Jahrhunderte zur Stadt und ihrer Geschichte gehörte. Zerschlagen, zerbrochen und verbrannt sind sie auch Zeugen der Verbrechen der Nationalsozialisten, des Leidens der Verfolgten und des Schweigens der Mehrheit.

Bruchkanten, Reste von Mörtel, fehlende Kanten und dunkle Verfärbungen auf den Fragmenten beweisen, dass es sich im wahrsten Sinne des Wortes um Bruchstücke handelt. Sie gehörten in die Fassade der 1879 eröffneten Synagoge am Bonner Rheinufer. Wer die Dauerausstellung der Gedenkstätte für die Bonner Opfer des Nationalsozialismus besucht, kann auf einem Foto der Synagoge Bruchstücke wiederfinden. Sie schlossen als Kapitellen die Säulen vom Gebäude ab. Die anderen archäologischen Fundstücke gehörten unter anderem zu Randbögen.

Die Fragmente zeigen einige architektonische und künstlerische Details des vom königlichen Bauinspektor Eduard Hermann Mertens (1823–1898) in Form einer Basilika entworfenen Synagogenbaus. Die neoromanische Grundform des Gebäudes wurde mit den für den Synagogenbau jener Zeit typischen orientalisierenden Elementen verbunden. Der Bau besaß zwei rundbogige Ziergiebel an den Fassaden vor dem Satteldach mit Dekalogtafeln, Türmchen mit minarettartigen, von Davidsternen bekrönten Kuppelspitzen und Kuppelschirmen über den Eingängen.

Am Mittag des 10. November 1938 wurde die Synagoge angezündet, nachdem die NSDAP-Führung in der Nacht zuvor zu Gewalt und Brandstiftung gegen Juden im Deutschen Reich aufgefordert hatte. Auch andere Synagogen in Bonn wurden abgebrannt, dazu dutzende Geschäfte und Wohnungen von Juden verwüstet.

Zuerst löschte die Feuerwehr den Brand in der Synagoge am Rheinufer. Doch dann befahl der Bonner Polizeidezernent und SA-Führer Peter Reinartz, nur noch die umliegenden Häuser zu schützen. Mit tatkräftiger Hilfe von Bonner Bürgern wurde die Synagoge ein zweites Mal angezündet, dabei wurde sie vollständig zerstört. Schaulustige beobachteten den verheerenden Brand.

Bald darauf musste die jüdische Gemeinde den Abbruch ihres Gemeindehauses und ihrer Synagoge selbst organisieren und bezahlen. Kurze Zeit später kaufte die Stadt das brachliegende Grundstück.

Nach dem Krieg diente das ehemalige Synagogengrundstück als Parkplatz. Als dort ein Hotel gebaut werden sollte, nutzte 1987 das LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland die Chance zu archäologischen Ausgrabungen. Tatsächlich konnten Fundamente der Synagoge freigelegt und jene Bruchstücke aus der Fassade gefunden werden. Nur ein Teil der östlichen Begrenzungsmauer blieb später am Originalstandort stehen. Aus den Steinen des Fundaments entstand im Auftrag der Stadt 1988 das Mahnmal am Moses-Hess-Ufer, an dem die jährlichen Gedenkveranstaltungen zum Jahrestag des Novemberpogroms stattfinden. Der Rest einer Säule wurde 1990 neben der neuen Bonner Synagoge in der Tempelstraße aufgestellt.

Die zehn Fragmente wurden der Gedenkstätte übergeben, für die die Bruchstücke eine besondere Bedeutung haben. Denn sie sind nicht nur Teil der Erinnerung an die Zerstörung der Synagoge, sie verweisen auch auf die Entstehungsgeschichte der Gedenkstätte. Schon vor Beginn der Bauarbeiten Mitte der 1980er Jahre wurde von der Stadtgesellschaft die Entstehung einer Gedenkstätte für die NS-Opfer gefordert. In der Folge gründeten engagierte Bürger 1984 einen Verein, der die Gedenkstätte Bonn bis heute trägt.

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