Die „Französische Kapelle“ im Block 3 des Oflag VIa in Soest

1997 betrat Rose Gillet auf Einladung der Geschichtswerkstatt zum ersten Mal die Französische Kapelle in Soest. Sie war die Witwe von Guillume Gillet, der einst als französischer Offizier hier seine Kriegsgefangenschaft erlebt hatte. Verblüfft traf ihr Blick auf ein Gemälde des gekreuzigten Jesus, in dessen Gesichtszügen sie ihren Mann erkannte! Er war einer der Maler in der Französischen Kapelle gewesen, und mit diesem Selbstportrait hat er sich ein persönliches Denkmal gesetzt.

Wie sah der Alltag der Offiziere im Oflag (Offizierslager) aus?

Trotz der Privilegien, die ihnen die Genfer Konvention garantierte, litten die Männer unter den physischen und psychischen Folgen der Kriegsgefangenschaft. Besonders quälend waren dabei die Untätigkeit und das Warten, und als Schande empfanden sie die Tatsache, dass sie in Gefangenschaft geraten waren, ohne in eine wirkliche Kampfhandlung verwickelt gewesen zu sein.
Um die endlos scheinenden Tage sinnvoll zu füllen, waren experimentierfreudige und unternehmungslustige Individualisten gefragt, die ihre Kameraden aufmunterten und inspirierten. Sie organisierten Theateraufführungen, Konzerte und Ausstellungen und luden zu Vorlesungen im universitären Bereich mit seinem anspruchsvollen Bildungsprogramm. Alles dies verdrängte zumindest zeitweise die quälende Langeweile und Ungewissheit der bedrückenden Situation.

Eine Kapelle entsteht

Schon wenige Tage nach ihrer Ankunft am 31. Juli 1940 stellte der Lagerälteste, der französische Priester Oberstleutnant Joseph Collin, bei der deutschen Lagerleitung einen Antrag auf Zuweisung eines Raumes, in dem die katholischen Offiziere das Allerheiligste aufbewahren und Gottesdienste feiern konnten. Denn als Offiziere hatten die Kriegsgefangenen aufgrund des Artikels 16 der Genfer Konvention von 1929 das Recht, ihren Glauben auch praktizieren zu dürfen. Anfang September 1940 bewilligte die Lagerleitung den Antrag Pater Collins und stellte im Block 1 einen weiß gekälkten, nach Westen hin schrägen Dachraum als Kapelle zur Verfügung, nur 7 ½ mal 6 Meter groß. Sie sollte nun dekorativ und würdig ausgestaltet werden.

Dabei half den Offizieren zunächst ein Deutscher, der Gefreite Bernhard Kröger. Er war in der Schreibstube der Kommandantur beschäftigt und versah nebenbei noch den Küsterdienst in der Soester Sankt Patrokli-Gemeinde. Ihm gelang es, Leimfarben zu beschaffen, mit denen die Kapelle nun ausgemalt werden konnte. Gemeinsam mit einem Ministranten, dem späteren Soester Bildhauer und Steinmetzmeister Alfons Düchting, brachte Kröger die Farbeimer ins Lager. Aus Sankt Patrokli sorgte er für die nötigen Kultgegenstände für die Messfeiern. Ob die deutsche Lagerleitung davon wusste, kann heute nicht mehr mit letzter Sicherheit festgestellt werden.

René Vielliard, Feldprediger der Ehrenlegion, legte das ikonografische Programm fest. In Gemeinschaftsarbeit schufen die Künstler der Kapelle ein Interieur, dessen religiöse Motive bis heute ausdrucksvoll und in leuchtenden Farben die Betrachter in den Bann zieht.

Das heute noch existierende Skizzenbuch von Gino Michelin und die erhaltenen Entwürfe von René Coulon sind ein Zeugnis für die Sorgfalt, mit der die Künstler ihr Werk geplant und ausgeführt haben. Die Arbeit war bestimmt von der kreativen Auseinandersetzung und dem Bewusstsein, den Kameraden mit den Darstellungen ein Gefühl von religiöser und innerer geistiger Freiheit zu vermitteln.
Nach wenigen Monaten intensiver Arbeit konnte schon am 20. Dezember 1940 die Einweihung der Kapelle gefeiert werden.

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