Jüdische Broschüre aus dem Jahr 1936

Jüdisches Leben lehren: Das einzige jüdische Gymnasium im Rheinland

„Seid starken Armes, ihr Brüder! Der Heimat / Boden zu hegen, ward euer Teil! Nicht sink‘ euer Mut! Nein, heiter und jubelnd / Kommt, Schulter an Schulter, dem Volke zum Heil!“

Keine Schülerin, kein Schüler hat das Reform-Realgymnasium Jawne in Köln verlassen, ohne das Gedicht „Birkat Am“ des jüdischen Nationaldichters Chajim Nachman Bialik zu lernen. Noch heute kehren ehemalige Schüler mit diesen Worten unter die Kastanie zurück, die auf dem einstigen Schulhof wächst. Das Gebäude steht nicht mehr. Der langjährige Direktor der Schule, Dr. Erich Klibansky, wurde ermordet. Überlebt hat bei vielen jedoch, was die Jawne auch unter dem Verfolgungsdruck durch die NS-Herrschaft noch lehrte: Selbstbewusst die jüdische Identität zu leben und fester Teil des gesellschaftlichen Lebens zu sein.

1919 gründete die jüdische Gemeinde Adass Jeschurun in Köln die Jawne, die einzige weiterführende jüdische Schule im Rheinland. Klibansky war 28 Jahre alt, als er 1929 ihr neuer Direktor wurde. In seiner Einführungsrede umriss er seine Überzeugung, an der er bis zum gewaltsamen Ende der Schule festhalten sollte: „Es ist die Aufgabe der jüdischen Schule, harmonisch gebildete Persönlichkeiten zu erziehen, die befähigt sind, wertvolle Glieder des Staates und der menschlichen Gesellschaft überhaupt zu werden.“

Dieses Ideal stellte Klibansky nach 1933 vor große Herausforderungen. Ursprünglich wurde die Jawne vor allem durch Jungen und Mädchen besucht, deren Eltern eine stärkere religiöse Erziehung wünschten. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten jedoch kamen auch nicht-orthodoxe Schülerinnen und Schüler hinzu. Erich Klibansky bemühte sich, diese Kinder zu integrieren, ohne dabei den speziellen Charakter der Schule aufzugeben.

Mehr und mehr wurde die Jawne zum Schutzraum jüdischen Lebens in Köln. Auf den ersten Blick unterschied sich der Alltag kaum von dem anderer Schulen. Auf dem Hof spielten Kinder Fußball und tobten herum. Sie plauderten miteinander und aßen ihre Pausenbrote. Gleichzeitig bereitete Klibansky seine Schülerinnen und Schüler auf ein Leben außerhalb Deutschlands vor. Er förderte insbesondere den Unterricht in Sprachen wie Englisch, Französisch und modernem Hebräisch.

Nach dem Novemberpogrom 1938 gelang es Klibansky, 130 Kinder und Jugendliche nach England zu retten. Er selbst unterrichtete an der Jawne, bis die Nationalsozialisten die Schule am 30. Juni 1942 schlossen. Drei Wochen später wurde er zusammen mit seiner Familie und über 1.000 weiteren Frauen, Männern und Kindern nach Minsk deportiert und ermordet.

Der Lern- und Gedenkort Jawne hält diese Geschichte lebendig. Die Dauerausstellung „Die Kinder auf dem Schulhof nebenan“ macht den Alltag der ehemaligen Schülerinnen und Schüler greifbar. Schul- und Familienfotos, Zeugnisse, Poesiealben, Tagebücher und Interviews spiegeln die Zerrissenheit zwischen Terror und Alltag, zwischen Vernichtung und der Aufgabe der Heranwachsenden, eine eigene jüdische Identität zu entwickeln.

Unter den Ausstellungsstücken ist auch ein Buch mit handschriftlichen Notizen Erich Klibanskys. Mitglieder des Arbeitskreises „Lern- und Gedenkort Jawne“ fanden es zufällig in einem jüdischen Antiquariat. In der Publikation begründet Klibansky, warum ausgerechnet „Birkat Am“ für den Schulalltag so wichtig wurde. „Es gibt bedeutendere Gedichte von Chajim Nachman Bialik als seine ‚Birkat Am‘“, schreibt er.Aber kein anderes Gedicht Bialiks hatte besser auszudrücken vermocht, auf welches Fundament Klibansky die Absolventen der Jawne stellen wollte.

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