Kinderspielzeug „Pickende Hühner“

An ihr Spielzeug erinnern sich Erwachsene selbst nach Jahrzehnten noch gerne. Im Krieg waren Objekte wie die selbst geschnitzten pickenden Hühner etwas ganz Besonderes. Da störten auch kleine Ungenauigkeiten bei der Ausführung wenig. Hauptsache, die Mechanik funktionierte und man konnte an dem Spielzeug etwas bewegen!

Dafür ist das kleine, kaum 17 cm breite und 6 cm hohe Spielzeug aus der Ausstellung der Gedenkstätte Stalag VI A ein Musterbeispiel: Aus rohem Holz grob geschnitzt und unbemalt besticht es bei aller Einfachheit durch seinen Bewegungsmechanismus. An den beiden Holzleisten sind die Hühner mit Nägeln so befestigt, dass sie durch Hin- und Herschieben der unteren Leiste abwechselnd auf den Pilz in der Mitte picken.

Geschnitzt hat das Spielzeug ein sowjetischer Kriegsgefangener des Stalag VI A. Die Essensrationen im Lager und in den meisten Arbeitskommandos waren gerade für die sowjetischen Gefangenen viel zu gering und von schlechter Qualität. Es reichte kaum zum Überleben. Es war deshalb pure Not, die vor allem die sowjetische Kriegsgefangenen dazu trieb, mit viel Geschick und Geduld, aber auch Hingabe nur mit Hilfe von einfachsten Werkzeugen kleine Gegenstände aus gesammeltem Abfallmaterial wie Stroh, Holz und Metall herzustellen. Ihre Bastelarbeiten boten sie dem Lagerpersonal und auch der Zivilbevölkerung zum Tausch gegen Nahrungsmittel und Medikamente an – oder sie bedankten sich auf diese Weise für eine gute Behandlung, die nicht der Regelfall war.

Das Stalag VI A war eines der großen Kriegsgefangenenlager im Deutschen Reich im Zweiten Weltkrieg. Im Herbst 1944 verwaltete das Stalag VI A fast 100.000 sowjetische Kriegsgefangene – reichsweit die höchste Zahl bei den Stalags. Als am 14. April 1945 amerikanische Truppen das Stalag VI A befreiten, lebten dort noch 23.000 Kriegsgefangene. In der Zeit von Oktober 1939 bis Ende 1945 sind rund 11.000 Menschen im Stalag bzw. nach dem Ende des Stalags in Lazaretten an Hunger, Krankheiten, Kriegsverletzungen und Willkürakten der Bewacher umgekommen.

Die Bastelarbeiten der Gefangenen – oft einfache Gebrauchsartikel, Ziergegenstände oder eben Kinderspielzeug – waren bei der Bevölkerung beliebt, denn so etwas gab es in der Regel nicht mehr zu kaufen. An manchen Orten florierten regelrechte Tauschmärkte, ohne dass die Hersteller dabei immer auf eine faire Bezahlung rechnen konnten. Von offizieller Seite indes war dieser Handel verboten: Für die deutsche Bevölkerung galt er als „verbotener Umgang mit Kriegsgefangenen“. Die Regierung sah darin eine unerwünschte Annäherung zwischen deutschen „Volksgenossen“ und den als „rassisch“ nicht ebenbürtigen Kriegsgefangenen sowie eine Gefährdung der Staatssicherheit. Seit August 1944 unterband die Polizei den Tauschhandel im gesamten Wehrkreis VI.

In einigen Familien wurden die sorgfältig und mühsam angefertigten Tauschobjekte aufbewahrt und nach einem Aufruf des „Vereins für Hemeraner Zeitgeschichte“ der Sammlung der Gedenkstätte Stalag VI A zur Verfügung gestellt. Man wusste, dass diese einzigartigen und berührenden Objekte dort sorgsam für die nächsten Generationen als Anschauungsobjekte für die Kreativität und Hingabe von Menschen selbst in härtesten Kriegs- und Notzeiten aufbewahrt werden. Die „Pickenden Hühner“ sind bis heute überliefert. Vom weiteren Lebensweg des Mannes indes, der sie an vielleicht vielen Abenden heimlich geschnitzt hat, wissen wir nichts.

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