Die kleine Kiste

Kistchen, gefertigt von einem unbekannten Zwangsarbeiter aus der Ukraine, undatiert (zwischen 1941 und 1945)

Die sorgfältig gearbeitete und mit feinen Intarsien ausgelegte Holzkiste gelangte 2009 als Schenkung in die Sammlung der Gedenkstätte in Oberhausen. Manfred Kugelmann, ein Oberhausener, der sich mit der VVN schon in den 1980er-Jahren um die Aufarbeitung der Zwangsarbeit in Oberhausen sehr verdient gemacht hat, erhielt sie damals aus der Ukraine. Es ist unbekannt, wer sie, vermutlich in stundenlanger Handarbeit, angefertigt hat. Aber wir wissen, welche Bedeutung diese kleine Truhe hatte, denn sie war ursprünglich der Preis für ein Tauschgeschäft.

Auf solche Geschäfte waren Menschen angewiesen, die von den Nationalsozialisten zur Zwangsarbeit ins Deutsche Reich verbracht worden waren. Ihre Arbeit wurde kaum mit Geld entlohnt – im Gegenteil: Sie wurden nur mangelhaft mit Nahrung, Medikamenten und Kleidung versorgt, und ihre Lebensverhältnisse in den Zwangsarbeiterunterkünften waren erbärmlich. „Alle diese Menschen müssen so ernährt, untergebracht und behandelt werden, dass sie bei denkbar sparsamstem Einsatz die größtmögliche Leistung hervorbringen". So hieß es im Programm des Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz, Fritz Sauckel, im Jahr 1942.

Die Folgen der chronischen Unterernährung waren erhebliche Mangelerscheinungen und vor allem ein drastisches Untergewicht der Häftlinge und Zwangsarbeiter – manche Männer wogen keine 50 kg mehr. Unter solchen Bedingungen litten grundsätzlich alle, aber die Sterblichkeitszahlen waren bei den Häftlingen der Konzentrationslager, bei den Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion und bei den italienischen Militärinternierten (seit dem Zusammenbruch der deutsch-italienischen „Achse“ im September 1943) besonders hoch.

Für die Häftlinge war es lebensnotwendig, heimliche Kontakte zur Zivilbevölkerung zu nutzen, um von Deutschen Lebensmittel zu bekommen. Selten genug steckten Leute den Hungernden Brot zu, ohne etwas dafür zu verlangen – ein Hinweis darauf, dass Teilen der deutschen Bevölkerung die extreme Unterversorgung der Zwangsarbeiter bewusst gewesen sein muss. Andere gaben aber nur bei einer Gegenleistung, und der Tauschhandel mit selbstgefertigten Gebrauchsgegenständen begann zu florieren. Die Polizei schritt hier ein: Kontakte und Tausch seien verboten und „vom volkstumspolitischen Standpunkt höchst unerwünscht“. Verstöße gegen dieses Verbot wurden manchmal drastisch bestraft, und vor allem die als „Untermenschen“ diskriminierten Osteuropäer standen unter ständiger scharfer Beobachtung.

In ihrer Not bastelten und bauten die Häftlinge aus dem, was sie fanden, oft auch nur aus Abfällen, Dinge, die zuweilen sehr hübsch, praktisch oder raffiniert waren und die sie zum Tausch gegen Brot und andere Nahrung anbieten konnten.

Das Intarsienkistchen ist ein berührendes Überbleibsel aus einem der größten Unrechtsgeschehen des Zweiten Weltkriegs. Die nationalsozialistische Gesellschaft allerdings hatte sich an den Alltag des Unrechts über das Kriegsende hinaus gewöhnt. Dass bis 1945 allein im Deutschen Reich insgesamt etwa 13,5 Millionen Menschen Zwangsarbeit leisten mussten, hat im Bewusstsein der meisten Deutschen erst spät zu Einsicht und Verantwortung geführt.

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