Ein zerbrochenes Milchkännchen

Das Milchkännchen aus weißem Porzellan wird keinen Kaffeetisch mehr zieren: Es ist zerbrochen. Warum hat sein Eigentümer die Scherben nicht in den Müll geworfen, sondern, ganz im Gegenteil, sorgsam aufbewahrt?

Der Stempel auf dem Boden des Kännchens gibt Aufschluss: „KPM“ ist dort zu lesen, und das war das Zeichen der „Königlichen Porzellan Manufactur“ in Berlin. Das Kännchen ist ein Stück „Judenporzellan“.

Es stammt aus dem Besitz der jüdischen Familie Treistmann aus Lublin in Polen. Moritz Treistmann zog Anfang des 20. Jahrhunderts nach Deutschland, heiratete eine junge Frau aus Meinerzhagen und ließ sich schließlich mit ihr und drei Töchtern im Wuppertal nieder. Immer im Gepäck dabei: Das „Judenporzellan“.

Vermutlich mehr als 100 Jahre zuvor hatten Moritz Vorfahren das Kännchen vermutlich einem jüdischen Bekannten aus Preußen abgekauft, der Opfer einer der antijüdischen Gesetze dort geworden war. Im Jahr 1769 nämlich hatte der preußische König Friedrich II verfügt, dass die Juden in seinem Staat bei bestimmten Anlässen (z.B. vor Erteilung eines Schutzbriefes, also einer Art Aufenthaltsgenehmigung) eine große Menge seines Porzellans kaufen und im Ausland absetzen mussten. Ob man das Geschirr oder die Figuren, die auch massenhaft produziert wurden, gebrauchen konnte oder schön fand, stand dabei gar nicht zur Diskussion. Das war eine von vielen Schikanen des „aufgeklärten“ Königs, mit der er seine Abneigung gegen die Juden ausdrückte, Profit aus ihnen schlagen und sie zur Abwanderung nötigen wollte. Das Porzellan aus der königlichen Produktion war minderwertig, und als es sich in Europa verbreitete, nannte man es bald nur noch abschätzig „Judenporzellan“.

Stephen Grüneberg, der heute in London lebt, hat das Milchkännchen und auch noch eine wuchtige Kaffeekanne mit dem Zeichen „KPM“ zur Erinnerung an seine Großeltern aufbewahrt und im Jahr 2018 hat er das Milchkännchen der Begegnungsstätte Alte Synagoge geschenkt. Moritz Treistmann starb 1939 in Lublin an einer nicht behandelten Blutvergiftung, seine Frau Hedwig wurde 1941 im Vernichtungslager Majdanek ermordet.
Die Ausstellung in der Begegnungsstätte Alte Synagoge nimmt nicht nur die 12 Jahre der nationalsozialistischen Judenverfolgung in den Blick, sondern macht einen Längsschnitt durch die jüdische Geschichte der Region von den ersten vorhandenen Spuren bis in die Gegenwart. Deshalb sind auch Objekte wie dieses Milchkännchen so bedeutend, weil es auf die unsichere Lebenswelt der Juden lange vor der Zeit des Nationalsozialismus verweist, zugleich aber auch bis in die Gegenwart.

Mehr Mehr Informationen finden Sie auf der Internetseite: www.alte-synagoge-wuppertal.de