Die Mosaiksteinchen von Doris Moses

Im Ausstellungsteil „Geschichte des Hauses“ finden sich Mosaiksteine vom Torahschrein und Glasscherben, die von der damals elfjährigen Doris Moses in der ausgebrannten Synagoge aufgesammelt worden sind.

Doris Moses wurde 1927 in Viersen geboren. Ihre Eltern waren Arthur Moses und Meta Moses, geb. Katz, ihr zwei Jahre jüngerer Bruder hieß Günther. 1930 zog die Familie nach Essen, wo ihr Vater als Geschäftsführer in einem EPA-Warenhaus in der Innenstadt arbeitete. Nachdem er 1933 entlassen wurde, machte er sich als Vertreter einer Firma für industrielle Putzwaren selbstständig. Diese Stellung verlor er 1937 und war von da an arbeitslos. Obwohl Doris noch klein war, bemerkte sie, dass ihre Eltern große Sorgen hatten. Die Familie plante, in die USA auszuwandern. Sie hatten zwar eine niedrige Registrierungsnummer und sogar ein Affidavit, aber die Bürgschaft war nicht hoch genug.

Nach der Pogromnacht, am Morgen des 10. November 1938, bemerkte Doris auf dem Weg zur Schule, dass die Synagoge ausgebrannt und die Fenster im Sockelgeschoss zerstört waren. Wie andere Kinder kletterte auch sie durch ein zerbrochenes Fenster in den verwüsteten Hauptraum der Synagoge, in dem Schutt, Scherben und verbrannte Fetzen von Torah-Rollen und Gebetbüchern lagen. Dort sammelte sie eine Handvoll Mosaiksteinchen und Glassplitter und nahm sie mit. Ihr Vater hatte inzwischen eine Warnung erhalten, dass man ihn suchte, und versteckte sich zwei Wochen lang bei befreundeten Bauern in Geldern. Danach flüchtete die Familie illegal über die Grenze in die Niederlande, wo sie sofort interniert wurde. Schon bald kam sie in das 1939 gegründete Flüchtlingslager Westerbork, das unter den Nationalsozialisten zum „Polizeilichen Juden-Durchgangslager Westerbork“ und damit zum Ausgangspunkt für die Deportationen nach Auschwitz, Sobibór, Theresienstadt und Bergen-Belsen wurde.

Doris war in Westerbork zunächst zur Lager-Schule gegangen, doch 1942, mit der Umwandlung in ein Durchgangslager und dem Beginn der Deportationen musste sie, wie die Erwachsenen, schwer arbeiten. 1944 wurde die Familie nach Theresienstadt deportiert. Arthur Moses wurde nach wenigen Wochen von dort aus nach Auschwitz weiter transportiert, wo er im Februar 1945, als er auf dem Marsch vom Lager zum Arbeitseinsatz vor Schwäche nicht mehr weitergehen konnte, erschossen wurde.

Nach der Befreiung gingen Meta Moses und ihre Kinder zurück nach Holland. Da sie Verwandte in Australien hatten, emigrierten sie dorthin.

Die Mosaiksteinchen gingen während dieser ganzen Zeit nicht verloren. Sie waren Doris und ihrer Mutter immer besonders wichtig, weil sie sie an glückliche Zeiten erinnerten. Doris selbst schrieb, dass die Synagoge ihr zweites Zuhause gewesen war.

Im Jahr 1988 wurde Doris Moses von der Stadt Essen eingeladen. Dies geschah im Rahmen des Besuchsprogramms für jüdische ehemalige Essener, das seit 1981 durchgeführt wurde. Zu diesem Anlass brachte sie die Mosaiksteine mit und überließ sie der Alten Synagoge. Auch ihre zwei Poesiealben hatte sie mitgebracht, die heute, ebenso wie ein Foto der Familie Moses, im Ausstellungsteil „Jüdisches Leben in Essen“ zu sehen sind. In einem schrieb ihr die Freundin Marion Bierhoff am 9. November 1938, dem Tag, an dessen Ende die Synagoge, das jüdische Jugendheim und andere Geschäfte und Häuser angezündet wurden, folgenden Spruch ins Album:
„Rede wenig, aber wahr, vieles Reden bringt Gefahr.“

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