Das Relief von Herkules im Kampf mit der Hydra

In der alten griechischen Sage besiegte Herkules heldenhaft die Hydra. Schlug man der gefährlichen Schlange einen Kopf ab, wuchsen ihr zwei nach. Doch der Halbgott konnte die Halsstümpfe ausbrennen und das Ungeheuer so töten.

Als die NS-Schwesternschaft 1940 einen Neubau für das Lüdenscheider Krankenhaus errichtete, fiel die Wahl nicht zufällig auf diese Geschichte als Wandschmuck über dem neuen Eingangsportal. Das Herkulesmotiv des Künstlers Werner Simon versinnbildlicht den Kampf der nationalsozialistischen Ärzte und Pfleger gegen das Kranke. Was als krank galt, wurde seit der Machtübernahme 1933 durch pseudomedizinische Diagnosen und durch die NS-Weltanschauung festgestellt.

Die NS-Reichsschwestern hatten 1937 die Leitung des Pflegedienstes im städtischen Krankenhaus Lüdenscheid übernommen und setzten fortan ihr menschenverachtendes Bild von Gesundheit und Kranksein rücksichtslos durch. Allein bis Kriegsbeginn wurden dort 204 Menschen zwangssterilisiert, weil sie angeblich unter „Erbkrankheiten“ litten, oder weil sie als Sinti oder Roma nicht ins rassistische Gesellschaftsbild der Nationalsozialisten passten. Zwangsarbeiterinnen aus Osteuropa sollten keine Kinder bekommen. Wurden sie schwanger, brachten Nationalsozialisten und Lagerleiter sie mit Unterstützung von Ärzten zur Zwangsabtreibung ins Lüdenscheider Krankenhaus.

Bei Kriegsbeginn leitete der so genannte Euthanasieerlass die Ermordung von mehr als 200.000 Menschen mit Behinderungen im Deutschen Reich ein. In den besetzten Gebieten fiel ihm ungefähr die gleiche Anzahl zum Opfer. Nachweislich töteten Anstaltsärzte und -pfleger auch 56 Erwachsene und vier Kinder aus Lüdenscheid.

An der medizinischen Verfolgung wirkten viele Behörden mit. Im Sinne der zynisch „Erbgesundheitsgesetz“ genannten neuen Rechtsordnung erteilte das Gesundheitsamt Heiratserlaubnisse, verfolgte Homosexuelle oder leitete Informationen für Zwangssterilisationen an Gerichte weiter. Über Zwangssterilisationen von Insassen in Gefängnissen entschieden nicht die Erbgesundheitsgerichte, sondern die Anstaltsleiter. Die Polizei in Lüdenscheid sperrte an ihrem Dienstort im Alten Rathaus ab 1933 neben kriminellen Verdächtigen rund 700 politische Gegner, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter oder Juden ein. Manche von ihnen wurden weiter in Konzentrationslager oder in „Heilanstalten“ deportiert. Nur ein Teil überlebte die NS-Zeit.

Heute erinnert in den ehemaligen Haftzellen im Alten Rathaus die Ausstellung der Ge-Denk-Zellen an Menschen aus Lüdenscheid, die unter der NS-Verfolgung litten, und an diejenigen, die Widerstand leisteten. Dazu gehören das Schicksal Marianne Dickehuts, die als 19jährige Schülerin nach der Zwangssterilisierung 1943 in Hadamar ermordet wurde, oder das mutige Auftreten Ernst Wilms. Der evangelische Pfarrer aus Lüdenscheid hatte 1941 offen den Behindertenmord kritisiert und wurde als Mitglied der Bekennenden Kirche kurz darauf ins KZ Dachau verschleppt.

Die Ge-Denk-Zellen gibt es nur wegen großen ehrenamtlichen Einsatzes. Diesem Engagement ist es auch zu verdanken, dass das Relief seinen Weg in die Ausstellung gefunden hat. Nachdem der ehemalige Krankenhausbau um 2010 Wohnungsneubauten wich, wussten weder der Bauherr noch zuständige Behörden, wo das Relief aus dem Eingangsportal unterzubringen sei. Engagierte Einzelpersonen aus dem Umfeld der Gedenkstätte kauften es kurzerhand und überreichten es später dem Förderverein der Ge-Denk-Zellen.

mehr Hintergrundinformationen