Das jüdische Ritualbad

Kaum zu glauben, dass dieses Bauloch eine Bedeutung haben könnte. Aber jede Grabung in den Boden – gleich, ob man ein Haus bauen möchte oder einen Goldschatz sucht – eröffnet die Möglichkeit, eine Entdeckung zu machen. So auch hier. Bei einem Ortstermin mit der Oberen Denkmalbehörde zur Renovierung der über 200 Jahre alten Landsynagoge Selm-Bork kam die Vermutung auf, dass zum Gebäude ursprünglich eine Mikwe gehörte, ein rituelles Tauchbad. Die Suche begann. Im Rahmen einer Projektwoche des örtlichen Gymnasiums entfernten Schülerinnen und Schüler Pflasterstein um Pflasterstein vor dem ehemaligen Hintereingang der Synagoge. Doch Rohre einer Gasleitung schienen alle Überreste zerstört zu haben. Aber den Jugendlichen gelang es, eine Mauer mit der Andeutung einer Treppe in die Tiefe freizulegen. Sollte es sich dabei tatsächlich um die Reste einer solchen Mikwe handeln? Noch ist das Geheimnis nicht endgültig gelüftet, die Denkmalpfleger und Archäologen werten die Funde noch aus.

Eine Mikwe gehört, wie die Schule, der Friedhof und die Synagoge und zu den elementaren Einrichtungen einer jüdischen Gemeinde. Das hebräische Wort „Mikwa“ bedeutet „Wasseransammlung“. Quell-, Grund- oder Regenwasser wird in einem Becken gesammelt und dient der rituellen Reinigung: Für Frauen immer nach der Menstruation, die als „unrein“ gilt, aber auch für Männer, wenn sie sich in irgendeiner Weise rituell verunreinigt haben, zum Beispiel, wenn sie einen Leichnam zur Beerdigung gewaschen und vorbereitet haben, oder bevor sie einen religiösen Text schreiben.

Während heutige Mikwen hell und komfortabel sind, über heiße Dusche zur Vorreinigung, Garderobe und Heizung verfügen, war der Gang in die Mikwe in früherer Zeit, vor allem im Winter, für die Menschen extrem ungemütlich: Sich splitternackt bei Eiseskälte in den dunklen Schacht zu begeben und dort vollständig mehrmals unterzutauchen, damit das reinigende Wasser auch wirklich an jede Stelle des Körpers kommen kann, das Ganze unter Aufsicht einer Badefrau, die die Segenssprüche dazu sagt – das muss durchaus große Überwindung gekostet haben. Glaubensstärke und Pflichtbewusstsein spielte sicherlich auch eine Rolle. Erwiesen ist, dass die besonderen Reinigungsvorschriften im Judentum zu einem wesentlich höheren hygienischen Standard, besserer Gesundheit und höherer Lebenserwartung als in der christlichen Umwelt geführt haben, was diese oft nicht verstanden und als „Bund mit dem Teufel“ gedeutet haben.

Es wäre eine Sensation, wenn sich die Selmer Ausgrabung als Fund einer Mikwe erwiese. Dafür spricht Vieles: Das Längenmaß der baulichen Reste von circa einem Meter in Länge und Breite, die direkte Angrenzung zum Schulraum und zum Aufgang zur Frauenempore in der Synagoge und letztlich auch das Dokument über den Verkauf der Synagoge vom 7. Oktober 1938, in dem notiert ist, dass das „Bethaus Nr. 29 und Nebengebäude“ durch Issak Heumann als Vertreter der Synagogengemeinde an den Nachbarn verkauft wurde.

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