Die Schabbatlampe der Familie Steeg

Eins der schönsten Objekte im Jüdischen Museum Westfalen ist eine schwere Öllampe aus Messing, die von der Decke hängt. Sie sieht aus wie ein achtzackiger Stern, und in den Vertiefungen der Spitzen lagen früher die in Öl getränkten Dochte, die vor Schabbatbeginn am Freitagabend angezündet wurden und dann für mehrere Stunden ein warmes Licht spendeten.

Der Schabbat ist, nach Jom Kippur, der wichtigste jüdische Feiertag. In Erinnerung an die Schöpfungsgeschichte wird er allwöchentlich als heiliger Ruhetag begangen. Am Schabbat soll keine Arbeit verrichtet werden. Als Arbeit galt in früheren Zeiten ganz zu Recht das Feuermachen. Während es heute ein Leichtes und sicherlich keine Arbeit mehr ist, mit dem Lichtschalter das Zimmer zu erhellen oder mit dem Thermostat die Heizung aufzudrehen, war das in alten Zeiten anders. Deshalb waren Schabbatlampen mit mehreren Lichtern eine nützliche Einrichtung.

Sie wurden, meistens mit fünf Sternspitzen, seit dem Mittelalter gefertigt und waren in jüdischen Haushalten bis zum 18. Jahrhundert üblich. Später zogen es die jüdischen Familien vor, zwei besondere weiße Kerzen anzuzünden. Wer aber eine alte Schabbatlampe besaß, pflegte sie als Familienerbstück weiterhin, auch wenn sie nicht mehr in Gebrauch war.

Auch die Dorstener Schabbatlampe stammt aus einem solchen Familienbesitz, nämlich aus dem Haus der Familie Steeg aus Daseburg bei Warburg. Ein Vorfahr, Samuel Steg, hatte über dreißig Jahre, von 1774 bis 1805, in Warburg als Rabbiner gewirkt. In seinem Haus begründete der gelehrte Mann eine „Jeschiwa“, eine Schule zum Studium der Tora und des Talmud.

Mit seiner Frau Schewa hatte Samuel Steg zwei Söhne, Menasse und Mordechai. Wie sein Vater widmete sich Mordechai dem Studium der Heiligen Schriften und studierte die Mystik der Kabbala. Sein Bruder Menasse hingegen heiratete Friederike, genannt Reike. Mit dem Geld, das sie als Gemüsebäuerin, als Bäckerin und mit ihrem Häute- und Fellhandel verdiente, konnte sie die ganze Familie ernähren.

Ein Nachfahre der Familie, Max Steeg, betrieb in den 1920er Jahren einen Kolonialwarenhandel in Daseburg. Aber 1937 entschloss er sich unter dem Druck der Nationalsozialisten, mit seiner Frau Bertha und dem Sohn Heinz nach Palästina zu flüchten. Geschäft und Wohnung hatten sie verkaufen und zurücklassen müssen, nur einige wenige Dinge nahmen sie mit auf die Reise – darunter auch die Schabbatlampe, die nun in der neuen Heimat einen Ehrenplatz bekam.

In Israel heiratete Heinz Steeg die aus Galicien stammende Alicia. 1960 kehrte das Paar nach Deutschland zurück und ließ sich in Frankfurt am Main nieder – auch die Schabbatlampe aus Daseburg wurde wieder ausgepackt.

Doch 15 Jahre später entschieden sich die Steegs zu einer Auswanderung nach Brasilien, und wieder kam die Schabbatlampe mit auf die Reise. Nach dem Tod von Heinz Steeg im Jahr 2005 kehrte seine Witwe nach Frankfurt zurück – mit der Schabbatlampe im Gepäck. Als auch Alicia Steeg gestorben war, bestattete man sie wunschgemäß auf dem jüdischen Friedhof in Daseburg. Ein Verwandter bewahrte die weitgereiste Lampe auf, bis er sie 2018 dem Jüdischen Museum Westfalen schenkte.

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