Schofar und zwei Löwen als einzige Überreste jüdischen Lebens

Ein besonderes Objekt in der Ausstellung des Frenkel-Hauses ist das alte Widderhorn, das „Schofar“. Die Töne, die der Schofarbläser damit produziert, sind überraschend laut und auch nicht immer wohlklingend, und es stellt sich die Frage nach dem Sinn dieses Rituals.

Zum Einsatz kommt das Schofar am jüdischen Neujahrstag „Rosch HaSchana“ (wörtlich: Kopf des Jahres) – nach jüdischem Kalender am 1. Tischri Ende September. Mit diesem Tag beginnt eine sehr ernst gestimmte Phase von zehn Tagen, in denen die Menschen sich um Versöhnung und Verständigung mit ihren Nächsten bemühen sollen. Ziel ist es, eine Versöhnung mit Gott anzustreben, und die wird erst erreicht, wenn alle zwischenmenschlichen Beziehungen geklärt, Streit beigelegt sowie alle Schulden und Verschuldungen beglichen sind. Erst dann, nach diesen zehn Tagen, wird sich entscheiden, wer in das Buch der Lebenden aufgenommen werden wird, und das ist am Versöhnungstag „Jom Kippur“ (Tag der Sühne). Auch jetzt wird wieder das Schofar geblasen. Der Schofarton ist also ein Weckruf, ein aufrüttelndes Signal, mit dem diese „Hohen Feiertage“ angekündigt und abgeschlossen werden.

Das Schofar ist zusammen mit zwei kleinen Löwenfiguren aus Metall das einzige, was aus der Lemgoer Synagoge erhalten geblieben ist. Der Löwe ist in der jüdischen Geschichte das Symbol des Stammes Juda – eines der Söhne Jakobs, und findet sich in Synagogen häufig als Schmuck auf Tora-Schränken, Tora-Vorhängen und Tora-Schilden.

Zur Ausstattung der Synagoge in Lemgo, die im Oktober 1883 eingeweiht worden war, gehörten ein Toraschrein, fünf Torarollen, zwei Sätze silberner Toraschmuck (also Kronen, Schilde und Zeiger), silberne Weinbecher und Leuchter, Toramäntel und -vorhänge aus Samt, ein Harmonium und vieles andere. Nach dem Pogrom im November 1938 war davon nichts mehr übrig – nur das Schofar und die beiden kleinen Löwen tauchten irgendwann wieder auf. Wer sie an sich genommen hatte, bleibt wohl für immer im Dunkeln.

Szmuel Rubin/Raveh (1925-1987) hatte das Schofar und die kleinen Löwen in den frühen Nachkriegsjahren in Lemgo entdeckt. Geboren und aufgewachsen in Demblin (Polen) war er 1944 als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt worden. Seine Familie wurde ermordet. Nach seiner Befreiung im April 1945 war er in ein Lazarett für die „Displaced Persons“ nach Lemgo gekommen. Im Jahre 1946 hatte er ein Geschäft, u.a. für Haushaltswaren und Küchengeräte eröffnet. Im Rahmen seiner Tätigkeit war er auf die Objekte aus der zerstörten Synagoge aufmerksam geworden.
In Lemgo lernte Szmuel Raveh/Rubin die Holocaust-Überlebende Karla Frenkel kennen. Beide heirateten und wanderten im Jahre 1949 nach Israel aus. Das Schofar und die beiden Löwen nahmen sie mit.

Karla Raveh (1927-2017) war als Tochter der jüdischen Familie Frenkel in Lemgo geboren und aufgewachsen. Zusammen mit ihren Eltern, Geschwistern und ihren beiden Großmüttern war sie am 28. Juli 1942 vom Lemgoer Marktplatz aus in das Ghetto Theresienstadt deportiert worden. Ihre Eltern und Geschwister wurden in Auschwitz ermordet. Nur sie und ihre Großmutter Helene Rosenberg überlebten den Holocaust.

Nach ihrer Befreiung im Frühjahr 1945 war sie nach Lemgo zurückgekehrt. Seit 1949 lebte sie mit ihrem Mann in Israel. Im Jahre 1985 schrieb sie auf Anregung der Lemgoer Lehrerin Hanne Pohlmann ihre Biographie. Das Buch erschien 1986 unter dem Titel „Überleben. Der Leidensweg der jüdischen Familie Frenkel aus Lemgo“. Im Jahre 1988 wurde in ihrem elterlichen Haus die Gedenkstätte Frenkel-Haus eröffnet. Zur Eröffnung brachte Karla Raveh die Löwenfiguren und das Schofar wieder zurück nach Lemgo und übergab sie der Gedenkstätte – als die einzigen erhaltenen Zeugnisse der Einrichtung der Lemgoer Synagoge und als Weck- und Mahnruf für die nachfolgenden Generationen.

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