Das Schreibpult von Inge Frank

So etwas wie dieses merkwürdige Holztischchen im Aktiven Museum in Siegen kennt man heute nicht mehr. Aber wozu es diente, ist schnell erraten: Für Kinder hat es genau die richtige Höhe, die Platte ist zum Schreiben ein bisschen abgeschrägt. Eine Ablagefläche für Stifte und „Federhalter“, ringsherum Leisten, damit nichts herunterfällt. Unter der Klappe kann man Hefte und Bücher aufbewahren. An alles ist gedacht!

Dieses alte Möbel stammt aus dem Besitz der Familie Fries, die mit zwei Kindern zur Miete im Haus der jüdischen Familie Frank wohnte – nicht die der berühmten Anne, sondern die der unbekannten Inge.

Inge Frank war das Nesthäkchen von Paula und Samuel Frank. Die Eheleute betrieben ein angesehenes Modewarengeschäft, in dem zuweilen mehr als 20 Verkäuferinnen, zwei Dekorateure und mehrere Lehrmädchen arbeiteten.

Als die kleine Inge sechs Jahre alt wurde – im Jahr 1928 – kam sie, wie jedes Kind, in die Schule. Ihre Eltern schenkten ihr einen Schulranzen aus Leder. Die Hausaufgaben machte sie nun an dem kleinen hölzernen Schreibtischchen. Mit dem Wechsel zum Gymnasium im Jahr 1932 war sie dafür aber zu groß geworden. Vielleicht stellte die Familie das Pult auf den Dachboden.

Im September 1933 zog ein junges Ehepaar in das Wohn- und Geschäftshaus der Franks ein. Bald wurden die ersten Kinder von Wilhelm und Ruth Fries geboren, zuerst Klaus, dann Rosemarie. Die Ehepaare waren befreundet, und man kann sich vorstellen, dass Inge manchmal auf die kleinen Nachbarskinder aufpasste.

Aber mit der nationalsozialistischen Machtübernahme änderte sich für Familie Frank bald alles. Inges große Schwester Ruth floh unter dem antijüdischen Druck mit ihrem Mann Herbert im Juli 1938 nach Amerika. Im November desselben Jahres wurden während der antijüdischen Pogrome auch Samuel Frank und sein 22-jähriger Sohn Manfred verhaftet und beide wurden mit Hunderten anderer Männer in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert, um die Familie zur Flucht zu zwingen. Nach der Entlassung wurde Samuel Frank zur Geschäftsaufgabe gezwungen. Dass die nun 16-jährige Inge weiter zur Schule ging, um ihr Abitur zu machen, war unmöglich geworden. Besorgt suchten die Eltern für Inge eine Perspektive. Endlich, im Februar 1939, konnte sie im israelitischen Kinderheim in Köln mit einer Ausbildung zur Kinderpflegerin beginnen. Ihrem Bruder Manfred gelang es im Mai 1939, einen Platz auf dem berühmten Schiff „St. Louis“ zu bekommen, das ihn und andere Flüchtlinge nach einer Irrfahrt bis Mittelamerika schließlich in England von Bord ließ, was seine Rettung war.

Zu Hause mussten die Familien zusammenrücken, denn die neue „arische“ Inhaberin des Geschäfts beanspruchte Wohnraum für sich. Obendrein nahmen die Franks im Frühjahr 1941 noch eine Nichte auf, die fünfzehnjährige Doris Salomon. Für die Nachbarsfamilie Fries war die Wohnung zu eng geworden, denn im Januar war wieder ein Kind geboren worden, um das sich Inge während des Auszugs kümmerte. Zum Abschied schenkte sie dem inzwischen „großen“ Schulkind Klaus Fries ihr Schreibtischchen und dazu den alten Ranzen.

Und was geschah mit den Franks, mit den Eltern, Inge und Doris? Sie bekamen die Nachricht, dass sie sich am Dienstag, den 28. April 1942, am Siegener Bahnhof zum Transport nach Dortmund einzufinden hatten, und sie ahnten, dass das nichts Gutes zu bedeuten hatte. Wie zum Trotz verlobte sich Inge am Vorabend mit ihrem Freund Heinz Lennhoff aus Plettenberg. Wenige Tage später war sie in der ostpolnischen Stadt Zamość, wo sie Zwangsarbeit leisten musste. Ihr letztes Lebenszeichen stammt vom 18. Januar 1943, und vermutlich kam sie bald darauf um – aus Erschöpfung, aus Hunger oder in einer der Gaskammern in Sobibór oder Bełżec.

Ihr kleines Schreibpult aber, und auch den Ranzen, benutzten alle sechs Kinder der Familie Fries, und hätten sie geahnt, welche erschütternde Geschichte sich mit diesen Dingen verbindet, meint Traute Fries heute, wären sie sicherlich viel sorgsamer damit umgegangen.

mehr Hintergrundinformationen