Steintröge als Sinnbild für die nazistische Barbarei

„Dann standen wir die ganze Nacht im Schlachthof herum. Der Boden war nass, es war kalt, und die Feuchtigkeit kroch die Glieder hoch... In den Steintrögen des Schlachthofs lagen Babys und Kleinkinder und weinten die ganze Nacht... Gegen vier Uhr morgens wurden wir hinausgeführt. Es war sehr kalt, und wir drängten uns aneinander, um uns gegenseitig zu wärmen".

So beschreibt die Holocaust-Überlebende Hilde Sherman-Zander aus Mönchengladbach die Nacht, die sie in der Großviehmarkthalle des Düsseldorfer Schlachthofs verbringen musste. Sie war damals 18 Jahre alt, ihr Mann Kurt Winter, den sie kurz zuvor geheiratet hatte, 29 Jahre. Am nächsten Morgen wurden sie mit über 1.000 anderen jüdischen Menschen aus der Region in das von der deutschen Wehrmacht besetzte Lettland deportiert, genauer: in das Ghetto Riga. Kurt überlebte den Holocaust nicht.

Heute befindet sich in derselben Halle die Bibliothek der Hochschule Düsseldorf. Die neben Bücherregalen und Computer-Arbeitsplätzen ausgestellten, original erhaltenen Steintröge haben eine hohe symbolische Bedeutung. Sie erinnern daran, dass dieser Ort einmal Teil des Schlachthofs war. Zugleich sind sie, abgesehen von der Halle selbst, das einzige Exponat, das konkret an die Verbrechen der Deportationen erinnert. Sie sind ein Mahnmal, das am historischen Ort an alle Menschen erinnert, die infolge des nazistischen Rassenwahns ermordet wurden.

Die frühere, denkmalgeschützte Großviehmarkthalle ist ein bedeutender historischer Ort für die gesamte Region. Sie war in den Jahren 1941-1944 die zentrale Deportationssammelstelle des gesamten Regierungsbezirkes Düsseldorf. Fast 6.000 jüdische Frauen, Männer und Kinder mussten sich auf Anordnung der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) hier einfinden. Es waren insgesamt sieben Deportationen, die meisten in den Jahren 1941/42. In der Halle, wo sonst das Vieh auf seine Schlachtung wartete, wurden die Menschen von Gestapobeamten registriert, nach Wertgegenständen und Lebensmitteln durchsucht und beraubt. Voller Ungewissheit vor dem Kommenden mussten sie die Nacht in der Halle verbringen.

Bewaffnete Polizisten brachten die Menschen am nächsten Morgen zur Verladerampe des nahe gelegenen Güterbahnhofs, von wo sie deportiert wurden: in die Ghettos von Łódź, Minsk, Riga, Izbica und Terezín. Die Fahrkarten der Reichsbahn mussten sie selbst bezahlen. Die meisten von ihnen wurden ermordet. Viele starben aufgrund der bewusst von der deutschen Besatzungsmacht herbeigeführten Lebensbedingungen an Unterernährung, Entkräftung und Krankheiten. Nur etwa 300 Menschen überlebten ihre Deportation.

Bis 2002 war der Schlachthof in Betrieb, danach verwaiste das Gelände, bis dort 2016 der neue Campus der Hochschule gebaut wurde. Im Eingangsbereich der Halle, von außen gut sichtbar und für alle zugänglich, dokumentiert seitdem eine Dauerausstellung die an diesem historischen Ort verübten Verbrechen und erinnert an die Verfolgten und Ermordeten: der Erinnerungsort Alter Schlachthof.

mehr Hintergrundinformationen