Eine verrostete Uhr erzählt Geschichte

Diese beschädigte Taschenuhr ist nur eins von vielen Fundstücken, die 1954 im Rahmen einer Umbettung menschlicher Überreste in der Dortmunder Bittermark gefunden wurde. Sie gehörte wahrscheinlich einem der sowjetischen Häftlinge, die noch kurz vor Kriegsende von der Gestapo erschossen worden waren.

Darauf deutet vor allem die russische Widmung hin, die auf der Rückseite eingraviert ist und bedeutet: „Geschenk des Bruders zum Tag des Wiedersehens 13. November 1943“. Was mag der „Tag des Wiedersehens“ – oder auch „des Treffens“ bedeuten? Was ist am 13. November 1943 geschehen? Und wo hatte diese Begegnung stattgefunden? Wir wissen nichts über den Menschen, dem diese Uhr einmal gehörte.

Aber wir wissen, dass die Dortmunder Gestapo im März und April 1945, nur ganz kurz vor Befreiung der Stadt in mehreren Massenerschießungen insgesamt etwa 230 Menschen exekutiert hat. Die meisten waren sowjetische Zwangsarbeiter*innen, die im NS-Staat als „Untermenschen“ galten und extremen Lebens- und Arbeitsbedingungen unterworfen waren. Verschärft wurden die Verhältnisse durch die alliierten Luftangriffe, denen die Arbeiter*innen weitgehend schutzlos ausgeliefert waren. Die Folge waren zahlreiche Fluchtversuche und andere Vergehen, um das Leben erträglicher zu machen. So waren die „Ostarbeiter*innen“ ab 1942/ 1943 die größte Gruppe im Dortmunder Polizeigefängnis Steinwache und auch in anderen Haftstätten. Massive Gewalt ihnen gegenüber gehörte zum Alltag. Delikte, die als besonders schwer bewertet wurden, bestrafte die Gestapo mit dem Tod.

Mit den immer dichteren Intervallen der Bombardierungen, der weiteren Zerstörung der Städte und vielen neu eintreffenden „Ostarbeiter*innen“ eskalierten die Zustände. Immer brutaler reagierte die Gestapo. Höhe- und gleichzeitig Schlusspunkt der Gewalt waren die vorher meist in KZ durchgeführten Gruppenexekutionen in den letzten Kriegswochen, im Rahmen derer nun auch schwerer Vergehen beschuldigte deutsche und westeuropäische Häftlinge, die die Gestapo weder wie zuvor der Justiz überstellen noch aus dem von amerikanischen Truppen eingeschlossenen Ruhrgebiet evakuieren konnte, erschossen wurden. Was passierte nach dem Krieg? Schon bald errichtete man auf Initiative vor allem kommunistischer Akteur*innen an einem der Exekutionsorte im Wald der Bittermark im Süden Dortmunds ein erstes Mahnmal. Aber erst 1954 legte man einen „Ehrenhain“ an, wohin man die zunächst auf Dortmunder Friedhöfen beigesetzten Opfer umgebettete. 1960 schließlich wurde ein neues, bis heute bestehendes Mahnmal fertiggestellt. Es ist sicherlich eine Besonderheit, dass in Dortmund hier jedes Jahr ausgerechnet am Karfreitag, dem höchsten protestantischen Feiertag, eine Gedenkveranstaltung durchgeführt wird, unter größter Beteiligung von Bürger*innen und gewidmet vor allem den bisher identifizierten und als „Widerstandskämpfer*innen“ geehrten deutschen und französischen Opfern.

Dass es aber in der Mehrheit osteuropäische, namenlose Arbeitssklaven waren, die dem Terror der deutschen Polizei an der „Heimatfront“ zum Opfer fielen, muss diese verrostete Uhr erzählen, die heute in der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache, dem ehemaligen Dortmunder Polizeigefängnis, gezeigt wird.

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