Die Dokumentationsstätte „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“ und die Wandinschrift „Programm der NSDAP“ von 1920

„Ein Volk - Ein Reich - Ein Führer“. Auffälliger hätten Gelsenkirchener Nationalsozialisten das NSDAP-Parteiprogramm von 1920 an den Wänden ihrer Parteidienststelle in Buer kaum anbringen können. Mehr als vier Meter hoch und fünf Meter breit, bebildert mit einem Portrait Hitlers, strahlte den Funktionären und Besuchern der NSDAP-Ortsgruppe Buer-Erle in roten und schwarzen Buchstaben entgegen, was die Nationalsozialisten seit ihrer Gründungszeit noch lange vor ihrer Machtübernahme 1933 forderten.

Vermutlich um 1937 ließ der damalige Ortsgruppenleiter Franz Switala die Wandinschrift in dem Gebäude an der Cranger Straße in Gelsenkirchen anbringen. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Nationalsozialisten auch in der vormals sozialdemokratisch und kommunistisch geprägten Industriestadt im Ruhrgebiet ihre Macht mit Gewalt gegen Andersdenkende und Anreizen für die „Volksgenossen“ gesichert.

Und dennoch galt es auch 1938 noch, regelmäßig die Allgegenwärtigkeit und Bedeutung der Partei unter Führung Hitlers vor Augen zu führen. Dieses 25-Punkte-Programm war völkischer Natur. Es lehnte den Kapitalismus als Weltverschwörung ab, schürte aber vor allem nationalistische und rassistische Vorurteile gegenüber Menschen, die anders dachten, einer anderen Religion angehörten oder eine andere Herkunft hatten. Deutlich war in diesem Parteiprogramm von 1920 schon zu erkennen, was während des Zweiten Weltkriegs grausame Wirklichkeit wurde: Die Vorstellung der Nationalsozialisten, durch millionenfachen Mord an Juden und anderen Gruppen der Gesellschaft eine andere Gesellschaft zu formen. Doch auch die Widersprüche der nationalsozialistischen Ideologie zeigten sich schon hier.

Ob die Wirkung der Wandinschrift tatsächlich derart groß war, wie die Berichte der Nationalsozialisten behaupteten, wissen wir heute nicht mehr. Denn politisch hatten die Punkte des Parteiprogramms von 1920 im Jahr ihrer Verschriftlichung auf der Gelsenkirchener Wand 1937 keine besondere Bedeutung mehr. Vielmehr sollte die Wandinschrift an den „Kampf“ gegen die verhasste Sozialdemokratie und den Kommunismus erinnern. Der zunehmende Einfluss des „Führers“ Adolf Hitler löste die Bedeutung des Programms ab.

Nach den Wahlen zog die NSDAP am 6. April 1933 ins Buerer Rathaus ein. Ihre Zeit als Splitterpartei war in der Arbeiterstadt im Ruhrgebiet vorbei, auch wenn die Wählerzahlen unterdurchschnittlich blieben. Die NSDAP verzeichnete in Gelsenkirchen zwar seit 1930 auch Zuwachs aus dem Arbeitermilieu, doch die Mehrheit der Wähler stammte aus der Mittelschicht, die von der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre massiv betroffen war. Kurz darauf entließen die Nationalsozialisten ab April 1933 sozialdemokratische und kommunistische Beamte oder zerstörten systematisch demokratische Organisationen. Aus der Gelsenkirchener Verwaltung wurde jeder zehnte Mitarbeiter entlassen.

Besonders hart war auch in Gelsenkirchen die jüdische Bevölkerung von Diffamierungen, Ausgrenzung und Gewalt betroffen. Aus Gelsenkirchen wurden seit 1942 insgesamt 660 Jüdinnen und Juden deportiert. Nur wenige kehrten aus den mörderischen Konzentrationslagern zurück. Während des Zweiten Weltkriegs war Gelsenkirchen wichtiger Standort der Rüstungsindustrie. In den Werken mussten KZ-Häftlinge und tausende Kriegsgefangene Zwangsarbeit leisten. Der Rückzug in Luftschutzbunker war für sie verboten. Viele überlebten die Luftangriffe nicht.

Das Gebäude an der Cranger Straße überstand den Krieg ohne große Schäden. Es war 1907 als Polizeirevier für die Gemeinde Buer errichtet worden und wurde nach der Machtübernahme 1933 von der NSDAP Ortsgruppenleitung Buer-Erle genutzt. Die Wandinschrift hatte hier eine doppelte Funktion. Wer sich in der Dienststelle aufhielt, sollte die Ziele der NSDAP verinnerlichen. Daneben sollte sie ganz einfach den Arbeitsplatz dekorieren. Die Aussage eines Parteimitgliedes, ihm hätte die Wandinschrift so viel Freude bereitet, dass er die Dienststelle am liebsten gar nicht mehr verlassen hätte, ist sicherlich übertrieben. Und doch geht aus einem Artikel über die Ortsgruppe Buer-Erle in der „National-Zeitung“ von 1938 hervor, dass sich Ortsgruppenleiter Switala auf die tatkräftige Unterstützung seiner Mitglieder verlassen konnte, um die 25 Punkte an die Wand zu bringen.

Nach dem Ende der NS-Herrschaft 1945 nutzten unterschiedliche Institutionen das Gebäude. Bis 1976 befanden sich eine Polizeidienststelle im Haus, zwischenzeitlich auch eine Sparkassenfiliale und eine Meldestelle. Ab 1980 war eine Zweigstelle der Stadtbibliothek dort untergebracht. Die Wandinschrift war übrigens schon nach Kriegsende 1945 verputzt worden und blieb auf diesem Weg bis zu ihrer Wiederentdeckung im Jahr 1986 weitgehend erhalten. Zu diesem Zeitpunkt nutzte eine Gruppe Gelsenkirchener Schriftsteller die Räume.

Während Renovierungsarbeiten wurde die Wandinschrift freigelegt. Konsequent setzten sich der damalige Bürgermeister Werner Kuhlmann, Büchereidirektor Hugo Ernst Käufer und die Gruppe der Gelsenkirchener Autoren fortan für die Errichtung einer NS-Dokumentationsstätte an diesem Ort ein. Im Februar 1989 stellte der Stadtrat die Wandinschrift unter Denkmalschutz. Mit Zuschüssen des Landes NRW konnte schließlich eine Gedenkstätte am historisch authentischen Standort der Cranger Straße verwirklicht werden. Das 1989 gegründete Institut für Stadtgeschichte eröffnete 1994 in den Räumen die Dokumentationsstätte „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“.

Seitdem setzt sich die Einrichtung mit der lokalen NS-Geschichte auseinander. Die im Jahr 2015 neu gestaltete Dauerausstellung richtet sich gezielt an junge Besuchergruppen und ihre Lebenswelt: Sie finden nun auch viele digitale und mediale Elemente. Doch als Zeugnis des NS-Terrors vor Ort bildet die Wandinschrift weiterhin ein Kernstück der Ausstellung.

Am „Ort der Täter“ zeigt sie, wie die nationalsozialistische Herrschaft funktionierte: Durch die Integration von „Volksgenossen“ und die systematische Ausgrenzung von „Gemeinschaftsfremden“. Ausgewählte Gelsenkirchener Lebenswege geben Besucherinnen und Besuchern Einblicke in Einzelschicksale von Verfolgten, die den Biographien der Täter gegenübergestellt sind und so die reale Praxis des NS-Regimes in Gelsenkirchen multiperspektivisch beleuchten.

Die Dokumentationsstätte ist zusammen mit dem Stadtarchiv eine Einrichtung des Instituts für Stadtgeschichte Gelsenkirchen. Zu den Angeboten und Tätigkeiten gehören pädagogische Konzepte für spezifische Besuchergruppen, Veranstaltungen, Vorträge und eine umfangreiche Forschungsarbeit. Weitere Informationen erhalten Sie unter: www.gelsenkirchen.de