Die Wandinschrift des „Programms der NSDAP“

Ein Volk – Ein Reich – Ein Führer: Dokumentationsstätte „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“

Das Haus an der Cranger Straße war ursprünglich als Polizeirevier für die Gemeinde Buer errichtet worden. 1933 wurde es von der NSDAP Ortsgruppe Buer-Erle übernommen. Nach verschiedenen Nachkriegsnutzungen des Gebäudes wurde bei Renovierungsarbeiten im Jahr 1986 hinter Putz eine Inschrift aus der Nazizeit, die das 25-Punkte-Programm der NSDAP von 1920 zitiert, entdeckt. Im Februar 1989 stellte der Stadtrat die Wandinschrift unter Denkmalschutz.

Nach dem Ende der NS-Herrschaft 1945 nutzten unterschiedliche Institutionen das Gebäude an der Cranger Straße. Bis 1976 befanden sich eine Polizeidienststelle im Haus, zwischenzeitlich auch eine Sparkassenfiliale und eine Meldestelle. Ab 1980 war eine Zweigstelle der Stadtbibliothek dort untergebracht. Die Wandinschrift war nach Kriegsende 1945 verputzt worden und blieb auf diesem Weg bis zu ihrer Wiederentdeckung im Jahr 1986 weitgehend erhalten. Zu diesem Zeitpunkt nutzte eine Gruppe Gelsenkirchener Schriftsteller und Schriftstellerinnen die Räume. Während Renovierungsarbeiten wurde die Wandinschrift freigelegt. Konsequent setzten sich der damalige Bürgermeister Werner Kuhlmann, Büchereidirektor Hugo Ernst Käufer und die Gruppe der Gelsenkirchener Autoren und Autorinnen fortan für die Errichtung einer NS-Dokumentationsstätte an diesem Ort ein.

Im Februar 1989 stellte der Stadtrat die Wandinschrift unter Denkmalschutz. Ebenfalls im Jahre 1989 beschloss der Rat in dem Gebäude eine Dokumentationsstätte zu errichten und gründete gleichzeitig das Institut für Stadtgeschichte. Mit Zuschüssen des Landes Nordrhein-Westfalen konnte schließlich eine Dokumentationsstätte am historisch authentischen Standort der Cranger Straße verwirklicht werden. Das Institut für Stadtgeschichte wurde beauftragt, die Grundlagen für die Dokumentationsstätte zu erarbeiten und die Dokumentationsstätte zu führen. Am 8. Mai 1994 wurde die vom Institut für Stadtgeschichte erarbeitete Dauerausstellung "Gelsenkirchen im Nationalsozialismus" in den Räumen der Dokumentationsstätte „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“ eröffnet. Die Ausstellung ist in 2014/15 gründlich überarbeitet und am 8. Mai 2015 wiedereröffnet worden.

Seitdem setzt sich die Einrichtung mit der lokalen NS-Geschichte auseinander. Die im Jahr 2015 neu gestaltete Dauerausstellung richtet sich gezielt an junge Besuchergruppen und ihre Lebenswelt: Sie finden nun auch viele digitale und mediale Elemente. Doch als Zeugnis des NS-Terrors vor Ort bildet die Wandinschrift weiterhin ein Kernstück der Ausstellung.

Am „Ort der Täter“ zeigt sie, wie die nationalsozialistische Herrschaft funktionierte: Durch die Integration von „Volksgenossen“ und die systematische Ausgrenzung von „Gemeinschaftsfremden“. Ausgewählte Gelsenkirchener Lebenswege geben Besucherinnen und Besuchern Einblicke in Einzelschicksale von Verfolgten, die den Biographien der Täter gegenübergestellt sind und so die reale Praxis des NS-Regimes in Gelsenkirchen multi-perspektivisch beleuchten.

Kern der Dokumentationsstätte „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“ ist die Dauerausstellung, in der schwerpunktmäßig in sechs Räumen die Ursachen und Folgen des Nationalsozialismus am Beispiel der Ruhrgebietsstadt Gelsenkirchen dokumentiert wer-den. Darüber hinaus dient die Einrichtung der politischen Bildung und bietet zudem die Möglichkeit der lokalen Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte. Dafür stehen verschiedene pädagogische Angebote zur Verfügung.

Die Dokumentationsstätte ist zusammen mit dem Stadtarchiv eine Einrichtung des Insti-tuts für Stadtgeschichte Gelsenkirchen. Zu den Angeboten und Tätigkeiten gehören pädagogische Konzepte für spezifische Besuchergruppen, Veranstaltungen, Vorträge und eine umfangreiche Forschungsarbeit.

Die Dokumentationsstätte Gelsenkirchen im Nationalsozialismus ist auf das Engste mit dem Institut für Stadtgeschichte mit Sitz im Wissenschaftspark Gelsenkirchen verbunden. Obwohl Gelsenkirchen seit vielen Jahren "unter Haushaltssicherung" steht, sind das Institut für Stadtgeschichte und Dokumentationsstätte Gelsenkirchen eine feste Größe in Politik und Verwaltung Gelsenkirchens. Dies kommt u.a. darin zum Ausdruck, dass die Dokumentationsstätte Gelsenkirchen in nächster Zeit räumlich deutlich erweitert werden soll.

Von Anfang an war die Dokumentationsstätte Gelsenkirchen stark wissenschaftlich ausgerichtet und von Forschung und Recherche geprägt. Gelsenkirchen gehört zu den ersten Städten, die die Geschichte der Zwangsarbeit in der Stadt umfassend erforscht hat. In einem Rechercheprojekt wurden alle Lager für Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen im Stadtgebiet ermittelt und die Ruhestätten aller verstorbenen Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen recherchiert. Die Ergebnisse wurden breit publiziert. Die Dokumentationsstätte Gelsenkirchen verfügt über eine Datei, die wahrscheinlich nahezu alle Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Gelsenkirchen elektronisch erfasst.

Der langjährige Leiter des Instituts für Stadtgeschichte und der Dokumentationsstätte Gelsenkirchen im Nationalsozialismus, Prof. Dr. Stefan Goch, ist seit September 2018 gemeinsam mit Herrn Dr. Guido Hitze maßgeblich an der Erarbeitung eines Konzeptes des Hauses der Geschichte Nordrhein-Westfalens beteiligt.

Weitere Informationen: www.gelsenkirchen.de