Zellentür - Einritzungen im Keller des Rathauses

Was anderswo als Sachbeschädigung gilt, ist im Keller des Herforder Rathauses eine bedrückende Spur in die Vergangenheit: In eine der Holztüren des früheren Polizeigefängnisses hat jemand voller Hoffnung den Satz geritzt: „Es geht alles vorüber.“ Ursprünglich hatte das 1917 in Betrieb genommene Polizeigefängnis aus zehn Zellen von je neun bis zwölf Quadratmetern bestanden. Eine diente später als Toilette, eine als Waschraum, eine als Verhörzelle. Die anderen blieben bis 1964 Hafträume.

Das Gefängnis war für die Abbüßung kleinerer Vergehen und die Unterbringung von Untersuchungshäftlingen gedacht. Dieser Zweck änderte sich nach 1933. Nun konnte auch die Gestapo, die Politische Polizei der Nationalsozialisten, Menschen einweisen. Das waren von Anfang an Gegner des neuen Regimes: Sozialdemokraten, Kommunisten, Gewerkschafter. Nach dem Beginn des Krieges 1939 mit dem Überfall auf Polen, vor allem nach dem Einmarsch der Wehrmacht in die Sowjetunion 1941, verhaftete die Gestapo auch ausländische Zwangsarbeiter. Sie galten der deutschen Führung als „Untermenschen“ und besaßen keine Rechte. Schon wegen geringfügiger Verstöße konnten sie in Haft genommen werden.

So zum Beispiel auch Agnesa Apasanenko, geboren 1925 in Mariupol (Shdanow), einer ukrainischen Stadt im Donezk. Anfang 1942 verschleppten die Deutschen die Siebzehnjährige aus ihrer Heimat nach Herford zum Arbeitseinsatz. Auch sie hinterließ – in der Tür ihrer Zelle Nummer Zwei – in kyrillischer Schrift ein sprechendes Dokument ihrer Haft: „Agnesa Apasanenko aus Mariupolja saß in dieser Kammer 15 Tage lang. Kam an im Jahr 19.3.1945. Seit meinem Aufenthalt in Deutschland saß ich in dieser Kammer 2-mal".

Im Oktober 1942 verließ Agnesa Apasanenko ohne Erlaubnis ihre Arbeitsstelle bei der Firma Rottmann in Herford, um ihren Bruder in Bad Meinberg zu besuchen. Das wurde ihr zum Verhängnis. Nach der Haft kehrte sie zu ihrem Arbeitgeber zurück und wurde im April/Mai 1945 in die Sowjetunion zurücktransportiert.

Als die Polizeibeamten und Aufseher erkannten, dass der Krieg nicht zu gewinnen war, begannen sie mit der systematischen Vernichtung von Akten, die sie belasten könnten. Obwohl viele Quellen fehlen, ist es Mitarbeitenden der Herforder Gedenkstätte in akribischer Forschungsarbeit anhand erhaltener Akten und im Gespräch mit Zeitzeugen gelungen, einige Fakten zu recherchieren: Die Haft konnte bis zu sechs Monaten dauern, aber in der Regel handelte es sich nur um wenige Tage. Die spärlich ausgestatteten Zellen waren meistens mit zwei bis vier, zuweilen aber auch mit sechs Personen belegt.

Und es ist gelungen, die Identität der meisten Opfer zu klären, die hier gefangen und der Willkür der Gestapo und Kriminalpolizei ausgeliefert waren: politische Gegner des Regimes, Juden, die „Ernsten Bibelforscher“ (heute: Zeugen Jehovas), homosexuelle Männer, sogenannte „Asoziale“. Für sie alle waren die Zellen ein Ort der Ungewissheit und Angst, des Hungers, der Folter und Schmerzen, für manche eine Station auf dem Weg in ein Konzentrationslager. Oder sogar zum Todesurteil vor Gericht. Ob sich die Hoffnung, dass „alles vorübergeht“, bewahrheitete, ist nicht bekannt.

Agnesa Apasanenko hat überlebt: 1994 besuchte sie gemeinsam mit weiteren 21 früheren Zwangsarbeiterinnen aus Mariupol auf Einladung der Stadt Herford den Ort ihrer Polizeihaft, aber damals waren ihre Spuren im Zellentrakt noch nicht entdeckt. Heute sind die Einritzungen in den Türen des Herforder Zellentrakts erschütternde physische Spuren des Leidens. Sie dokumentieren aber auch den unbedingten Willen zum Leben und die Hoffnung der Opfer und sind damit ein bedeutendes Vermächtnis an die Nachgeborenen.

mehr Hintergrundinformationen