Zwei Personen nutzen ihre Smartphones. App-Symbole im Hintergrund

Zum Download in der Mediathek (CC BY-SA 4.0)

Dank Internet sind wir theoretisch so gut informiert wie nie zuvor – doch viele Menschen fühlen sich unsicher und überfordert. Gleichzeitig kursieren Fake News und Verschwörungsmythen. Wie können wir die digitale Info-Fülle beherrschen?

tl;dr* - Das Wichtigste, ganz kurz

Worum geht es?

  • Informationen sind so gut verfügbar wie nie zuvor.
  • Doch die Nachrichten-Fülle kann überfordern und schlechte Gefühle auslösen.
  • Vereinfachte Darstellungen und schlechte Nachrichten dominieren die Wahrnehmung, komplexe Themen gehen unter.

Was können wir tun?

  • Merke: Schlechte Nachrichten sind überrepräsentiert.
  • Nur so viel News beziehen wie nötig.
  • Bewusst Quellen wählen und News selbst filtern.

*tl;dr steht für „too long, didn’t read” („zu lang, habe ich nicht gelesen“)

Worum geht es?

Im Zeitalter des Internets sind Informationen so gut verfügbar wie nie zuvor. Über zahllose Kanäle können wir uns mit Nachrichten versorgen – ob auf Websites von öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen, in sozialen Netzwerken, per Podcast oder Messenger-App. Wer es genauer wissen will, kann per Suchmaschine die Quellen einer Nachricht prüfen, seien es wissenschaftliche Studien, statistische Daten oder Berichte in fremdsprachigen Medien.

Nachrichten checken oder per Suchmaschine etwas nachschlagen gehören zu den häufigsten Tätigkeiten im Netz. Während der Corona-Pandemie sind Nachrichten für viele noch wichtiger geworden.

Es gibt viele hilfreiche Werkzeuge, um Neuigkeiten aus dem Netz zu organisieren. Viele Nutzerinnen und Nutzer von sozialen Netzwerken abonnieren dort bekannte Medien und stellen sich so ihren persönlichen Nachrichtenkanal zusammen. Andere beziehen Newsletter, nutzen Reader-Apps oder lassen sich per News-Alert ("Alarm") über neue Beiträge zu bestimmten Stichworten informieren. (Mehr im Special Newsroom 4.0)

Doch die Nachrichten-Fülle bringt ein Problem mit sich: Sie kann überfordern. Viele Nutzerinnen und Nutzer empfinden die „Breaking News“ (Eilmeldungen) aus verschiedenen Apps und Kanälen als anstrengend. Wenn Informationen im Übermaß eintreffen, fällt es schwer zu beurteilen: Was ist wirklich wichtig? Nicht alles kann angemessen wahrgenommen werden.

Im Rauschen der Meldungen wirken komplexe Themen besonders anstrengend. Das lässt vereinfachte Informationen und scheinbar einfache Lösungen attraktiv erscheinen, darunter populistische Zuspitzungen, Schuldzuweisungen und Verschwörungsmythen.

Hinzu kommt, dass wir besonders aufmerksam werden, wenn es um schlechte Nachrichten geht. Dieser psychologische Effekt wird Negative Bias genannt. Das kann den Eindruck vermitteln, dass die Lage nicht mehr beherrschbar ist. Und es kann ein Gefühl der Lähmung erzeugen sowie die Anfälligkeit für Populismus verstärken.

Gleichzeitig gewöhnen wir uns an dem Nachrichtenstrom. Viele Nutzerinnen und Nutzer empfinden Druck, die Nachrichten checken zu müssen. Sie haben Angst, etwas zu verpassen. Für dieses Phänomen gibt es ein bekanntes Kürzel: FOMO. Es steht für den englischen Ausdruck „fear of missing out“. Schlechte Nachrichten können einen besonderen Sog erzeugen. Manche können gar nicht aufhören, darin zu stöbern. Auch dafür gibt es bereits einen Begriff: Doomscrolling (Doom bedeutet "Untergang"). Über die psychologischen Mechanismen dahinter berichtet Deutschlandfunk Kultur

"Die Welt ist so gut wie noch nie!"

Warum die Welt viel besser ist, als wir denken – dieser Frage geht das Video nach. Es stammt aus dem Projekt Mach doch! In fünf Schritten wird dort erklärt, was wir selbst zu einer besseren Welt beitragen können. Zum Projekt

Soziale Netzwerke: Information oder Gefühlsmanipulation?

Wegen der enormen Verbreitung spielt Facebook eine besondere Rolle als Nachrichtenkanal, auch wenn das Unternehmen lange darauf beharrt hat, kein Medienunternehmen zu sein. Doch seit langem wird kritisiert, das die Plattform die Verbreitung von polarisierenden Aussagen fördere.

Dies wurde 2021 durch die ehemalige Facebook-Mitarbeiterin Frances Haugen bestätigt, die zur Whistleblowerin wurde und interne Dokumente öffentlich machte. Die Algorithmen von Facebook sorgen für die Verbreitung von Falschinformationen und Hassbotschaften, so Haugen (mehr bei wdr.de). Auch andere Netzwerke sind in der Kritik, zum Beispiel die ebenfalls zu Facebook gehörende Plattform Instagram. Facebook-interne Untersuchungen belegen: Instagram schadet der psychischen Gesundheit von Teenagern. (mehr bei tagessschau.de)

Wie gewinne ich Abstand?

Folgende Einsichten können hilfreich sein, Abstand zu Nachrichten oder bestimmten Kanälen zu gewinnen:

  • Die Lage erscheint in den Nachrichten oft schlechter, als sie ist. Nachrichten haben einen negativen Bias.
  • Oft gibt es keine einfachen Lösungen. Auch wenn es in Nachrichten oder Meinungsbeiträgen in sozialen Netzwerken häufig anders klingt, sind viele Fragen komplex. (Ambiguitäts- und Komplexitäts-Resilienz fördern)
  • Arbeitsteilung und Fachwissen sind sinnvoll. Es ist für einzelne unmöglich, sich in gleichem Maße über verschiedene Wissensgebiete zu informieren wie die jeweiligen Fachleute aus Journalismus und/oder Wissenschaft.

Haushalten mit der eigenen Aufmerksamkeit

Wie können wir die Info-Fülle aus dem Netz beherrschen? Grundsätzlich sind viele Nachrichten und Informationen relevant. Der Aufwand – und gegebenenfalls die Belastung für unsere Psyche – die sie verursachen, muss jedoch in einem akzeptablen Verhältnis stehen zu dem Mehrwert, den sie bieten.

Ein erster Ansatz, um einen verträglichen Umgang zu entwickeln, ist, sich selbst über diesen Mehrwert klar zu werden. Wie wichtig ist es für mich, über bestimmte Themen auf dem Laufenden zu sein? Und wieviel meiner Zeit wäre dafür angemessen?

Wie kann ich meine Freiheit zurückgewinnen?

Den Aufwand für die Beschäftigung mit News aus dem Netz bewusst reduzieren – das klingt gut, ist aber nicht leicht umzusetzen. Kein Wunder, denn soziale Netzwerke und viele andere Apps werden von den Anbietern bewusst so gestaltet, dass sie zu exzessiver Nutzung anregen. Zum Beispiel, indem sie immer wieder mit Push-Nachrichten darauf aufmerksam machen, was Freunde gerade online tun.

Helfen können Tools, die für eine bestimmte Zeit den Zugang zu Apps oder zum Internet sperren. Ein Beispiel ist „Freedom“. (Überblick über Tools gegen Ablenkung bei t3n.de)

Es gibt auch bereits Ratgeber dafür, wie wir uns selbst zu mehr Distanz erziehen können. Der Autor Cal Newport rät zum „Digitalen Minimalismus“. Er schlägt vor, zunächst eine Zeitlang auf möglichst alle digitalen Tools zu verzichten. In dieser Phase soll man sich darüber klar werden, was wirklich wichtig ist im Leben – und welche digitalen Tools tatsächlich einen Mehrwert bringen, statt nur Zeit zu fressen. Um dem Sog von Apps und Plattformen zu entkommen, sei es wichtig, sich mit Offline-Aktivitäten zu belohnen – zum Beispiel Treffen mit Freunden und Familie oder Hobbies.

Den Nachrichten-Fluss selbst gestalten

Social Media-Plattformen versprechen, vom Verhalten der Nutzerinnen und Nutzer zu lernen und stellen für sie automatisch personalisierte Inhalte zusammen, die angeblich ihren Interessen entsprechen. Doch die Vorauswahl von Infos durch die Plattformen ist intransparent. Und die Algorithmen bevorzugen das, was viele Reaktionen auslöst. Das führt dazu, dass zugespitzte und kontroverse Beiträge viel Raum einnehmen.

Die Alternative lautet: Selbst auswählen, was wirklich Aufmerksamkeit verdient.

Info-Grundversorgung aus wenigen, hochwertigen Quellen decken: Es ist verlockend, immer neue Fundstücke wie Facebook-Seiten, Podcasts oder Twitter-Accounts hinzuzufügen. Doch wer sich nicht in der Vielfalt verlieren will, sollte sich fokussieren. Für die meisten Zwecke reichen wenige Quellen aus. Bei konkreten Anlässen ist es immer noch möglich, weitere Quellen hinzuzufügen.

Inhalte im News-Feed von sozialen Netzwerken gezielt anpassen: Wer sich nicht auf die Vorauswahl durch die Algorithmen verlassen will, sollte sich die Zeit nehmen, die entsprechenden Funktionen der Plattformen kennenzulernen und auszuprobieren. Bei Facebook ist es möglich, die Beiträge bestimmter Seiten oder Gruppen auszublenden. Bei Twitter empfiehlt es sich, interessante Accounts thematischen Listen zuzuordnen und diese gezielt aufzurufen, statt allen Accounts zu folgen.

Die volle Kontrolle über den Nachrichten-Input ermöglichen Feedreader. Mit diesen Apps lassen sich gezielt bestimmte Quellen abonnieren und organisieren – darüber hinaus gelangt nichts in den Nachrichtenstrom. (Mehr im Special Newsroom 4.0)

Konsumgewohnheiten überprüfen: Mal kurz im Vorbeigehen aufs Handy schauen, ob es etwas Neues gibt – dabei bleibt es oft nicht. Infos aus dem Netz können zum Zeitfresser werden. Um den Zeitaufwand für den Nachrichtenkonsum zu begrenzen, bietet es sich an, bestimmte Zeiten dafür zu reservieren. Lesezeichen beziehungsweise Bookmarks oder Sammel-Apps wie Pocket erlauben es, Beiträge zunächst zu sammeln und später zu lesen – mit Raum für Reflexion. Am besten offline – denn dann ist die Verlockung nicht so groß, dem nächsten interessanten Link zu folgen.

Printmedien wie Tages- und Wochenzeitungen haben Vorteile: Zwar sind Online-Medien meist schneller, und viele Infos finden sich kostenlos im Netz. Dennoch lohnt es sich, auch aktuelle Printmedien zu berücksichtigen. Zum einen finden sich dort oft ausführlichere, ausgewogene Analysen. Zum anderen fördern sie die Reflexion, denn hier verlocken keine Links zur schnellen Ablenkung – anders als im Netz.