Die Zellentür

Einritzungen im Keller des Rathauses in der Gedenkstätte Zellentrakt Herford: "Es geht alles vorüber"

In den Jahren 1913 bis 1917 errichtete die Stadt Herford auf dem ehemaligen Gelände der Fürstabtei Herford ein neues Rathaus. Im Erdgeschoss wurde die Polizeiwache mit Polizeigefängnis untergebracht. Hier waren die Herforder Schutz- und Kriminalpolizei tätig, in der NS-Zeit auch eine Außenstelle der Gestapo. Polizeiwache und Polizeigefängnis waren in der NS-Zeit ein Ort der gewaltsamen Verfolgung der politischen, religiösen und sozialen Minderheiten.

Dies betraf direkt nach der „Machtergreifung“ die sogenannten „Schutzhäftlinge“, Mitglieder von KPD, SPD und Gewerkschaften, aber auch schon Menschen jüdischen Glaubens, denen meist sogenannte „Rassenschande“ vorgeworfen wurde. Später kamen auch Verfolgte anderer religiöser Minderheiten (wie die Zeuginnen und Zeugen Jehovas), Sinti und Roma und Angehörige sozialer Minderheiten (wie Obdachlose), sowie in den Kriegsjahren Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen aus mehreren Nationen in Haft. In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 inhaftierte die Polizei hier zahlreiche Jüdinnen und Juden vor ihrem Abtransport in das Konzentrationslager Buchenwald. Gegenüber der Polizeiwache nahmen an der sogenannten kleinen Markthalle die Deportationen aus Herford ihren Anfang.

Die Zellen wurden zum grausamen "Wartesaal" auf der Reise in eine ungewisse Zukunft. Von hier aus ging es nach Vernehmungen und Haft von bis zu sechs Monaten vor Gerichte und in andere Gefängnisse, aber auch oft direkt in Konzentrations- oder Arbeits(erziehungs)lager. Ursprünglich war die kurzzeitige Unterbringung von jeweils zwei Häftlingen in einem Zellenraum vorgesehen. Mittlerweile ist bekannt, dass sich bis zu sechs Personen in einer Zelle aufhielten. Viele Gefangene hinterließen an den Gefängnistüren für heute authentisch erhaltene Einritzungen mit Namen und Daten.

Nach der Befreiung von der Naziherrschaft blieben Wache und Zellentrakt noch bis 1964 in Betrieb. Danach wurden Flur und Zellen als Aktenlager der Stadtverwaltung und von den 1970er Jahren bis 1987 als Stadtarchiv genutzt. Die Räume sind bis auf nachträglich eingezogene Kabel- und Heizungskanäle in relativ ursprünglichem Zustand erhalten geblieben.

Das 1997 gegründete Kuratorium Erinnern Forschen Gedenken e.V. plante seit langem die Errichtung einer dauerhaften Gedenk- und Dokumentationsstätte als pädagogisch-kulturelles Zentrum für Stadt und Kreis Herford zur lokalen und regionalen Erinnerungs- und Forschungsarbeit zur NS-Zeit und aktuellen Entwicklungen von Intoleranz, Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit.

Als ein authentischer Verfolgungs-Ort kam das ehemalige Polizeigefängnis im Herforder Rathaus in den Blick. Die Stadtverwaltung wies den Zellentrakt im Herbst 2004 als Außenstelle dem Stadtarchiv Herford zu. Neben dem Zellenflur und sieben Zellen werden der Zellenhof sowie nach Bedarf weitere Räume für die Gedenkstätte genutzt.

Der Betrieb der Gedenkstätte wird ehrenamtlich durch das Kuratorium getragen.

Am 9. November 2004 wurde die Gedenkstätte erstmals öffentlich präsentiert und im Frühjahr 2005 mit der Ausstellung "Anne Frank war nicht allein" eine erste Ausstellung gezeigt. Am 18. Juli 2005 fand die offizielle Eröffnung der Gedenkstätte Zellentrakt durch den damaligen Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, statt, der auch die Schirmherrschaft übernahm. In seiner Nachfolge war der Generalsekretär Stephan Kramer Schirmherr der Gedenkstätte.

Die Gedenkstätte Zellentrakt ist eine Außenstelle des Stadtarchivs Herford (im Kommunalarchiv Herford) und nutzt die dort zugänglichen Archivbestände für die tägliche Arbeit. Sie verfügt auch selbst über zahlreiche Materialsammlungen zu den Themen der gezeigten Ausstellungen und zum jüdischen Leben im Raum Herford sowie über eine umfangreiche Bibliothek zum Themenbereich. Auf der Internetseite der Gedenkstätte sind Materialien und Publikationen allgemeind zugänglich.

Die Dauerausstellung besteht aus einer Gedenkzelle mit an der Wand angebrachten Namen und (soweit vorhanden) Fotos der ermordeten Herforder Jüdinnen und Juden, dem Gedenkbuch „Jeder Name eine Geschichte“ mit Arbeiten und künstlerischen Beiträgen Herforder Bürgerinnen und Bürger bzw. Schülerinnen und Schüler zu jeweils einem Opfer.

Eine weitere dauerhafte Zelle mit rekonstruierter Einrichtung stellt die Haftbedingungen im Zellentrakt und das Thema Schutzhaft dar.

Seit 2005 zeigen Kuratorium und Stadtarchiv regelmäßig eigenproduzierte oder übernommene Ausstellungen zu historischen und aktuellen Aspekten. Themen waren u.a. Schutzhaft, Euthanasie und Zwangssterilisierung, Rechts-Rock, Reichspogromnacht, Mahnmale in Ostwestfalen-Lippe, Zwangsarbeit, Antisemistismus, Migration, Jüdische Schüler im NS-Staat, Antisemitimus, Jugendkulturen, der Raum Herford in den Jahren 1933 – 1939 und im Zweiten Weltkrieg, die Verfolgung einzelner Minderheiten wie Sinti und Roma. Zeuginnen und Zeugen Jehovas, aber auch aktuelle Kunst mit Bezug zu den Räumen. Übernommene Ausstellung werden jeweils um regionale Aspekte ergänzt. Hauptzielgruppe sind Schülerinnen und Shcüler aus dem Raum Herford, die etwa 60% der Besucherinnen und Besucher (durchschnittlich ca. 2.000 – 3.000 pro Jahr) ausmachen.

Zu jeder der Sonder- bzw. Wechselausstellungen werden pädagogische Materialien erarbeitet, die bei Führungen in der Gedenkstätte und/oder durch die Lehrerinnen und Lehrer eingesetzt werden. Daneben werden nach Bedarf und in Absprache regelmäßig Führungen und Lehrerfortbildungen zur jüdischen Geschichte Herfords, zu den in der Stadt verlegten Stolpersteinen und Gedenkplatten und zur NS-Geschichte angeboten. Diese erfolgen (z.B. mit Synagogenbesuchen) in enger Kooperation mit der jüdischen Gemeinde Herford-Detmold.

Seit 2013 zeigt die Gedenkstätte in der früheren Wäschefabrik Elsbach (heute ein Geschäftszentrum an der Goebenstr. 3 - 7 in 32052 Herford) in einer ca. 8 Meter hohen Stele etwa 2.000 Bücher aus der Bibliothek der Familie Elsbach. Käthe (geb. Elsbach) und Adolf Maass bauten ab 1911 auf der Grundlage der Bibliothek ihrer Familie in Hamburg eine umfangreiche Bibliothek auf. Neben den Klassikerinnen und Klassikern finden sich auch die in der Weimarer Republik aktuellen literarischen Werke und kunstgeschichtliche Fachliteratur. Käthe Maass war im Hamburger Kulturleben präsent und verfügte über Kontakte zu Künstlern dieser Zeit. 1938 konnten Teile der Bibliothek nach England gerettet werden. Das Ehepaar Maass wurde am 15. Juni 1942 nach Theresienstadt und von dort am 15. Mai 1944 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Später gelangte die Bibliothek nach Kanada, von wo sie 2010 nach dem Tod des Sohnes Gerry Maass nach Herford zurückkehrte. Sie erinnert an den durch den Nationalsozialismus jäh beendeten Anteil jüdischer Familien am kulturellen Leben des deutschen Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Seit 2019 ist dort auch die ständige Ausstellung „die Elsbachs – eine Familien- und Firmengeschichte“ zu sehen, die aus einer 2018 gezeigten umfangreicheren Ausstellung hervorgegangen ist. Sie zeigt beispielhaft den Aufstieg jüdischen Unternehmertums im 19. und 20. Jahrhundert und den jähen Sturz in den Abgrund durch die Verfolgungsmaßnahmen des NS-Regimes.

Weitere Informationen: www.zellentrakt.de.