Kampf um die Klimaziele: Diskussion um Kohleausstieg bis 2030

30.09.2021 - Themenbereiche: Politik, Umwelt und Nachhaltigkeit

Kurzfassung

Noch ist unklar, wer Deutschland künftig regieren wird. Aber eines steht nach dieser Bundestagswahl fest: Egal welche Koalition das Rennen macht, sie wird sich intensiv damit beschäftigen müssen, wie sich die Ziele aus dem Klimaschutzgesetz einhalten lassen. Wie kann Deutschland bis 2045 klimaneutral werden? Heftig debattiert wird diese Frage auch in der Energieregion Nummer Eins: in NRW.

Besonders der Ausstieg aus der Kohleenergie sorgt in NRW für Debatten: NRW ist Braunkohleland und treibt die CO2-Emissionen mit seinen Kohlegruben in die Höhe. Laut der Umweltorganisation BUND sind die RWE-Braunkohlekraftwerke im Rheinland gar die größten Klimasünder in ganz Europa. Der Kohleabbau habe im vergangenen Jahr rund 22 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen in NRW verursacht. Gleichzeitig versorgt das Rheinische Revier, das größte Braunkohle-Abbaugebiet Europas zwischen Aachen, Mönchengladbach und Bonn, nach Angaben des Bundesverbands Braunkohle (DEBRIV) nach wie vor rund 9500 Menschen mit Arbeit.

Die Grünen wollen den Kohleausstieg bis 2030 durchsetzen

Aktuell ist vorgesehen, dass Deutschland – und damit auch NRW – bis zum Jahr 2038 aus dem Kohleabbau aussteigt. So sieht es das im Sommer 2020 von Bundesrat und Bundestag beschlossene Kohleausstiegsgesetz vor. Vielen aber reicht das nicht. 2038 sei viel zu spät, meinen Klimaaktivist:innen und Umweltschutz-Verbände. Sie argumentieren: Die auf Druck des Verfassungsgerichts verschärften deutschen Klimaziele sehen vor, dass die Energiewirtschaft ihre Emissionen bis zum Jahr 2030 mehr als halbiert. Das sei mit dem fortgeführten Kohleabbau in NRW nicht zu vereinbaren.

Andere halten das für falsch: Die Energiewende benötige Zeit. Noch sei Deutschland nicht weit genug, um Kohleenergie vollständig durch erneuerbare Energien wie Solar- und Windkraft zu ersetzen. Außerdem müsse der Strukturwandel richtig vorbereitet werden. Man könne Menschen, die Kohle abbauen, nicht einfach in die Arbeitslosigkeit entlassen. Nicht zuletzt deshalb halten Armin Laschet (CDU) und Olaf Scholz (SPD) derzeit noch an einem schrittweisen Ausstieg bis zum Jahr 2038 fest – entgegen der beharrlichen Beschleunigungsforderungen der Grünen. Doch der Druck auf die Politik wächst: Immer mehr Expert:innen geben zu bedenken, dass zu viel Zeit das Aus für die deutschen Klimaziele bedeute.

Acht Perspektiven

„Deshalb muss der Kohleausstieg viel früher kommen als 2038“

SWR, 02.07.2021 - Claudia Kemfert, Stefanie Peyk

Zum Originalartikel

Die Perspektive in 30 Sekunden

Die Energieökonomin Claudia Kemfert ist überzeugt, dass ein Kohleausstieg im Jahr 2038 der deutschen Klimabilanz einen gewaltigen Strich durch die Rechnung machen wird. Um die beschlossenen Klimaziele zu erreichen, müsse der Kohleausstieg bis spätestens 2030 abgeschlossen sein, macht sie im Gespräch mit SWR-Umweltredakteurin Stefanie Peyk deutlich.

Kemfert argumentiert: Es wird viel Zeit brauchen, bis bei Gebäuden und Verkehr genug Emissionen eingespart werden können. Wenn die Bundesregierung die selbst gesteckten und nun verschärften Klimaziele ernst nehme, sei es unvermeidlich, bis 2030 gewaltige Mengen an CO2 einsparen zu müssen. Da das mit Maßnahmen im Gebäude- und Verkehrssektor nicht zu erreichen sei, müsse Deutschland früher aus der Kohle aussteigen.

Gleichzeitig hält Kemfert es für zwingend notwendig, dass die Stromversorgung in Deutschland zügig deutlich grüner werde: „Mit dem jetzigen Ausbautempo laufen wir in eine Ökostromlücke – das muss vermieden werden“, warnt sie im SWR. Derzeit scheitere dies jedoch an der Politik, die es viel zu schwierig gestalte, erneuerbare Energien auszubauen.

Ausführlicher als im Interview mit dem SWR argumentiert Kemfert im August 2020 in einem Kommentar für den DIW WOCHENBERICHT, einer Publikation des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW): „Ein beschleunigter Kohleausstieg könnte insgesamt die Emissionen von über 130 Millionen Tonnen CO2 senken“, heißt es dort.

Anmerkungen der Redaktion

Claudia Kemfert ist Wirtschaftswissenschaftlerin und Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), dem größten deutschen Wirtschaftsforschungsinstitut. Das DIW wird vom Bund und den Bundesländern finanziert und betreibt neben der Wirtschaftsforschung auch wirtschaftspolitische Beratung. Kemfert ist außerdem Professorin für Energiewirtschaft und Energiepolitik an der Leuphana Universität Lüneburg und Mitglied des Herausgeberrates des Klimawandel-Magazins KLIMAREPORTER. Sie hat Wirtschaftswissenschaften in Bielefeld und Oldenburg studiert. Vor ihrer Anstellung als Professorin an der Leuphana Universität ist sie unter anderem Professorin für Umweltökonomie an der Humboldt-Universität in Berlin und Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance in Berlin gewesen.

Stefanie Peyk ist seit 2000 Redakteurin beim SWR, wo sie in der Umweltredaktion arbeitet. Peyk macht hauptsächlich Hörfunk für SWR 2: das Kulturprogramm des SWR mit einem Schwerpunkt auf Kultur- und Wissensthemen. Häufig anzutreffen ist Peyk beim Format „Impuls“ des SWR 2: Das Format liefert Kurzbeiträge zu neuen Themen aus der Wissenschaft, Medizin, Umwelt und Bildung.

Der SÜDWESTRUNDFUNK (SWR) ist eine deutsche Rundfunkanstalt. Seit der Fusion von SÜDWESTFUNK und SÜDDEUTSCHEM RUNDFUNK im Jahr 1998 ist der SWR nach dem WDR die zweitgrößte Rundfunkanstalt der ARD. Im Sendegebiet in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz erreicht der SWR rund 15 Millionen Menschen. Er wird von einem Rundfunkrat kontrolliert, der aus Vertreter:innen gesellschaftlich und politisch relevanter Interessensvertretungen der beiden Bundesländer besteht. Der SWR verfügt über einen Fernsehsender, sechs Radioprogramme (darunter ein Jugend- und ein Nachrichtensender) und mehrere Orchester und Chöre.

„Interview zum Kohleausstieg: „Das wäre die Verhinderung des Strukturwandels““

handelskontor-news.de, 25.05.2021 - Oliver Holtemöller, Jakob Milzner

Zum Originalartikel

Die Perspektive in 30 Sekunden

Der Volkswissenschaftler Oliver Holtemöller ist überzeugt, dass ein vorgezogener Kohleausstieg nicht nur gut fürs Klima, sondernauch gut für die Wirtschaft ist. Denn: Am Kohleabbau festzuhalten bedeute auch, in Zeiten des Fachkräftemangels wichtige Ressourcen an Branchen zu binden, die keine Zukunft haben. „Das verzögert die Anpassung“, warnt er im Gespräch mit dem Journalisten Jakob Milzner für das Nachrichtenportal HANDELSKONTOR.

Eine Studie, die Holtemöller im Auftrag des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) geleitet hat, habe gezeigt, dass der Braunkohlewirtschaft schon heute deutlich mehr Beschäftigte aus Altersgründen verloren gehen, als Arbeitsplätze abgebaut werden. Wenn Deutschland aber erst im Jahr 2038 aus der Kohle aussteige, brauche die Branche über die kommenden Jahre noch Nachwuchs. „Da treffen dann jüngere Menschen heute die Entscheidung, eine Ausbildung in der Braunkohlewirtschaft zu machen und Ressourcen in einen Bereich zu stecken, der in absehbarer Zeit nicht mehr da sein wird“, gibt Holtemöller zu bedenken. Dabei gebe es zahlreiche Berufsfelder, die auf Wachstumskurs seien – etwa die Pflege.

Der Volkswissenschaftler plädiert dafür, Nachwuchs frühzeitig in Branchen zu bringen, die auch eine wirtschaftliche Perspektive bieten: „Es ist aus rein ökonomischer Perspektive besser, wenn die jungen Leute in der Region keine Ausbildung in der Braunkohlewirtschaft machen, sondern in einem Beruf, der in Zukunft stärker nachgefragt sein wird.“ Indem die Politik die Braunkohlewirtschaft künstlich am Leben erhalte, bremse sie den Strukturwandel nur aus.

Anmerkungen der Redaktion

Jakob Milzner ist Redakteur bei HANDELSKONTOR-NEWS.DE. Dort ist er hauptsächlich für die Recherche und das Führen von Interviews zuständig. Thematisch beschäftigt er sich hauptsächlich mit Wirtschaft, Finanzen und technologischen Innovationen. Vor seiner Zeit bei HANDELSKONTOR-NEWS.DE ist er als freier Journalist unter anderem für die TAZ und den WESER KURIER tätig gewesen. Außerdem hat Milzner für das Fraunhofer-Zentrum für Internationales Management und Wissensökonomie gearbeitet, ein außeruniversitäres Forschungsinstitut, das hauptsächlich angewandte Forschung über Wirtschaft, Politik und Wissenschaftskommunikation betreibt. Dort hat er Artikel über die Forschung des Instituts geschrieben.

Prof. Dr. Oliver Holtemöller ist Professor für Volkswirschaftslehre an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Er ist außerdem der stellvertretende Präsident des Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle und dortiger Leiter der Forschungsabteilung zum Thema Makroökonomik. Das Leibniz-Institut wird vom Bund und den Ländern finanziert und verfolgt dementsprechend gemeinnützige und wissenschaftliche Zwecke. Holtemöller hat Volkswirtschaftslehre, Angewandte Mathematik und Praktische Informatik an der Justus-Liebig-Universität Gießen studiert. Die überregionale Tageszeitung FAZ führte Holtemöller 2016 auf der Rangliste der einflussreichsten Ökonomen in Deutschland auf Platz 50 auf.

HANDELSKONTOR-NEWS.DE ist eine Online-Publikation, die Nachrichten zu Wirtschafts- und Gesellschaftsthemen veröffentlicht.  Häufige Themen sind neue Technologien in der Wirtschaft, Kryptowährungen und Nachhaltigkeit. HANDELSKONTOR-NEWS.DE wird von Raphael Lulay herausgegeben: Er ist freier Journalist und PR-Berater. Lulay ist bereits häufig in den Medien als Experte zu Wirtschaftsthemen zitiert worden: beispielsweise im TAGESSPIEGEL und im EUROPEAN SCIENTIST. Auch HANDELSKONTOR-NEWS.DE wird in Medienberichten als Informationsquelle herangezogen: beispielsweise in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG, im STERN oder dem veganen Wirtschaftsmagazin VEGCONOMIST.

„Der Kohleausstieg bis 2030 ist zum Greifen nah“

https://www.e3g.org/news/der-kohleausstieg-bis-2030-ist-zum-greifen-nah/, 01.06.2021 - Rebekka Popp

Zum Originalartikel

Die Perspektive in 30 Sekunden

Es wird Zeit, dass Deutschland in der Energiewende zum Vorreiter wird, findet die Politikberaterin Rebekka Popp. Als eines der reicheren OECD-Länder könne Deutschland sich der globalen Entwicklung nicht entziehen: „Ein sauberer Strommix in den 2030er-Jahren wird international zur neuen Normalität“, meint die Autorin auf dem Blog der Denkfabrik E3G.

Denn international bekomme Kohle zusehends Gegenwind: Nicht grundlos habe Großbritannien den Kohleausstieg ins Zentrum des diesjährigen G7-Gipfels und der UN-Klimakonferenz (COP26) gesetzt. Dort sei die Botschaft klar gewesen: „Sowohl UN-Generalsekretär Antonio Guterres als auch COP26-Präsident Alok Sharma haben die G7-Länder dazu aufgerufen, voranzugehen und sich zu einem Kohleausstieg bis 2030 zu verpflichten“, so Popp. Auch alle Umwelt- und Klimaminister:innen der G7-Länder seien inzwischen darin einig, dass Kohleverbrennung eine zentrale Ursache der globalen Erwärmung sei – und dass es den Ausstieg zu beschleunigen gelte. 

Darauf müsse die neue Bundesregierung dringend reagieren. Denn: Nur mit einem vorgezogenen Ausstieg könne Deutschland sicherstellen, dass es im Rennen um einen sauberen Energiesektor nicht abgehängt wird. „Es ist in Deutschlands Interesse, den Anschluss nicht zu verlieren und in seine eigenen Fußstapfen als Energiewendepionier zu treten, indem es den Kohleausstieg auf 2030 vorzieht“, appelliert Popp.

Anmerkungen der Redaktion

Rebekka Popp ist Politikberaterin im Berliner Büro der E3G, einer europäischen Klima-Denkfabrik. Ihre Arbeit konzentriert sich auf den gerechten Übergang zur Klimaneutralität in der EU und auf die Politik des Europäischen Green Deals: Der Green Deal ist ein 2019 von der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vorgestelltes Konzept, das die Treibhausgas-Emissionen der EU bis 2050 auf null reduzieren soll. Vor ihrer Zeit bei E3G hat Popp als Assistentin bei der Parteiführung der Partei Bündnis 90/Die Grünen gearbeitet. Davor ist sie knapp 1,5 Jahre an der Universität Mannheim wissenschaftliche Assistentin beim Forschungscenter politische Ökonomie der Reformen gewesen. Sie hat in Mannheim und Potsdam Politikwissenschaften studiert.

E3G (Third Generation Environmentalism) ist eine Denkfabrik, die sich eine möglichst emissionsfreie Zukunft als Ziel gesetzt hat. Dazu entwickelt E3G Strategien, wie sich durch politische Maßnahmen Treibhausgase reduzieren lassen. E3G hat beispielsweise 2009 dazu beigetragen, die erste grüne Investmentbank im Vereinigten Königreich zu gründen. E3G betreibt außerdem einen Blog in verschiedenen Sprachen, auf dem die Denkfabrik über Klima- und Politikthemen informiert, eigene Forschungsergebnisse einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich macht und Kommentare von Mitarbeiter:innen veröffentlicht. Finanziert wird E3G unter anderem von verschiedenen politischen Institutionen wie der Europäischen Union, dem Auswärtigen Amt Deutschlands oder auch dem niederländischen Ministerium für Wirtschaft und Klima. Aber auch private Institutionen unterstützen E3G, wie beispielsweise das texanische Energieunternehmen bulb, das sich 100 Prozent erneuerbare Energien auf die Fahne schreibt oder das Chatham House: eine private Denkfabrik im Vereinigten Königreich, die sich mit aktuellen internationalen politischen Fragestellungen beschäftigt.

„Kohleausstieg: Der Weg zur Klimaneutralität ist eine Gratwanderung“

Vorwärts, 19.08.2021 - Gustav Horn

Zum Originalartikel

Die Perspektive in 30 Sekunden

Der Volkswirtschaftler Gustav Horn hält einen vorgezogenen Kohleausstieg für falsch. Zu groß sei die Gefahr, dass voreiliges Handeln die Arbeitslosigkeit in den betroffenen Regionen in die Höhe treibe. „Der Weg zur Klimaneutralität ist eine Gratwanderung“, warnt er in der SPD-Parteizeitung VORWÄRTS.

Zwar sei der Kohleausstieg richtig. „Aber dieser muss so gestaltet werden, dass die von dem Ausstieg betroffenen Menschen eine Chance haben, ihre wirtschaftliche Existenz auf eine nachhaltige Produktion verlagern zu können, ohne in soziale Abhängigkeiten und Nöte zu geraten“, fordert Horn. Der ausgehandelte Kohlekompromiss aus dem Jahr 2019 skizziere genau diesen Weg: Einerseits garantiere er den Ausstieg aus der Braunkohleförderung bis spätestens zum Jahr 2038. Und andererseits gebe er den Beschäftigten der Region durch gezielte Investitionen eine wirtschaftliche Perspektive. Doch das brauche Zeit: „[D]er Ausstieg aus der Kohle muss im Gleichlauf mit neuen Arbeitsplätzen in nachhaltiger Produktion geschehen.“

Wenn die Regierung Beschäftigte stattdessen in Transfersysteme fallen lasse, mache sie einen Denkfehler: „Mit dem Weg zur Klimaneutralität darf die Politik keine wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen riskieren“, appelliert Horn. Denn: Ohne eine breite gesellschaftliche Akzeptanz werde der Klimaschutz scheitern. Umso wichtiger sei es, alle mitzunehmen – auch beim Kohleausstieg.

Anmerkungen der Redaktion

Gustav Horn ist Wirtschaftswissenschaftler und Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Duisburg-Essen. Er hat 2005 das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung gegründet und ist bis 2019 der wissenschaftliche Direktor der Einrichtung gewesen. Horn zählt außerdem zu der „Gang of Five“. Damit sind fünf deutsche Ökonomen gemeint, die keynesianische Standpunkte vertreten, also solche, die im Gegensatz zu liberalen Theorien dafür eintreten, dass der Staat die Wirtschaft stärker beeinflusst. Horn ist außerdem Mitglied im SPD-Parteivorstand. Zudem ist er Mitbegründer der Bürgerbewegung Finanzwende: ein Verein, der sich der Kontrolle der Finanzmärkte und einem Ausgleich der Finanzlobby in der Beeinflussung der Politik verschrieben hat.

VORWÄRTS ist die1876 gegründete Parteizeitung der SPD. Gründer und erste Chefredakteure waren Wilhelm Liebknecht und Wilhelm Hasenclever. Die Zeitung ist bis 1933 erschienen, musste dann ins Exil und wurde erst 1949 neugegründet. Als Mitgliedermagazin der Partei hatte VORWÄRTS besonders in den 1990er-Jahren eine hohe Auflage. Seither ist sie deutlich gesunken. Die VORWÄRTS erscheint derzeit gedruckt sechsmal im Jahr. Laut eigenen Angaben liegt die Gesamtauflage der gedruckten Zeitung im Jahr 2021 bei 356.511. Die Angaben sind allerdings nicht durch die Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern bestätigt. Im August 2021 hat es laut Similarweb rund 160.000 Besuche auf das Online-Nachrichtenportal VORWAERTS.DE gegeben.

„Baerbock will Kohleausstieg schon 2030 – doch zwei gewaltige Gründe sprechen dagegen“

Focus Online, 29.08.2021 - Matthias Hochstätter

Zum Originalartikel

Die Perspektive in 30 Sekunden

Der Redakteur Matthias Hochstätter glaubt nicht, dass der deutsche Stromsektor innerhalb des nächsten Jahrzehnts vollständig auf erneuerbare Energien umsatteln kann. „Die Lücke, die Wind- und Solarenergie bis 2030 schließen müssten, ist mittlerweile gigantisch groß“, gibt er auf FOCUS ONLINE zu bedenken.

Um den Strombedarf ohne Kohle decken zu können, brauche es einen massiven Ausbau alternativer Energien: „Jährlich müssten Öko-Kraftwerke mit einer Kapazität von 16 Gigawatt neu gebaut werden“, betont Hochstätter. Doch die benötigten zehn Gigawatt Photovoltaik und rund sechs Gigawatt Windkraft hält er für ein Luftschloss: „Das entspräche jedes Jahr einer Solarmodulfläche von 60 Millionen Quadratmetern – also etwa 8400 Fußballfeldern – und 1200 Windkraftanlagen der Superklasse, die schon mal 150 Meter hoch sein können“, betont Hochstätter. Im vergangenen Jahr sei gerade mal ein Sechstel der benötigten Windenergie-Anlagen aufgestellt worden. Und auch die empfohlene Menge an Solar-Modulen wurde nur zur Hälfte erreicht, betont der Redakteur.

Das liege unter anderem daran, dass Politiker:innen in den vergangenen Jahren die Hürden für die Genehmigung von Solar-Feldern und Windparks immer höher geschraubt haben: „Deutschland hat in den letzten 16 Jahren schwer daran gearbeitet, es vom internationalen Vorreiter zum Nachzügler der Energiewende zu bringen“, wettert er. Dadurch dauere es jetzt auch länger, die fossilen Energieträger zu verdrängen: ein Kohleausstieg vor dem Jahr 2038 zu fordern sei daher utopisch.

Anmerkungen der Redaktion

Matthias Hochstätter ist Redakteur bei FOCUS ONLINE. Er hat Journalistik, Politik, Geschichte und Volkswirtschaftslehre in München studiert. Anschließend hat er ein Volontariat an der Deutschen Journalistenschule absolviert. Seit 2000 lebt und arbeitet Hochstätter als Journalist und Kommunikationsexperte in Berlin. Vor seiner Beschäftigung beim FOCUS hat er im Unternehmensberatungs- und im Public Relations-Sektor gearbeitet. Dem FOCUS hat er sich 2020 angeschlossen. Sein Schwerpunkt liegt auf dem Thema Finanzen.

Der FOCUS ist ein wöchentlich erscheinendes deutsches Nachrichtenmagazin. Er ist 1993 vom Hubert Burda Verlag als Konkurrenz zum SPIEGEL gegründet worden. Das Magazin erschien zuletzt in einer verkauften Auflage von rund 248.000 Exemplaren (2/2021) und gehört damit zusammen mit dem SPIEGEL und dem STERN zu den reichweitenstärksten deutschen Wochenmagazinen. Der FOCUS gilt dabei in seiner Ausrichtung im Vergleich zu den beiden Konkurrenzmagazinen als konservativer. Auch der Online-Auftritt des Magazins gehört zu den reichweitenstärksten in ganz Deutschland: Laut der Arbeitsgemeinschaft Online Forschung hatte FOCUS.DE im Juli 2021 rund 26 Millionen Nutzer:innen vorzuweisen. Das GOETHE-INSTITUT befindet, das Blatt vertrete eine wirtschaftsliberale Haltung und wende sich „mit vielen grafischen Darstellungen und farbintensiven Bildern insbesondere an Leser:innen mit weniger Zeit“. Wie viele andere Medien in Deutschland hat der FOCUS seit Jahren stark sinkende Verkaufszahlen zu verzeichnen: Anfang 2000 lag die Auflage noch bei knapp 811.000 verkauften Exemplaren.

„Nix wie raus - und dann?“

RBB, 21.04.2021 - Andreas Rausch

Zum Originalartikel

Die Perspektive in 30 Sekunden

Der Redaktionsleiter Andreas Rausch kann der Kontroverse über einen früheren Kohlestopp nichts abgewinnen. „Es ist unnötig und damit falsch, jetzt eine politische Debatte über einen rascheren Ausstieg aus der Kohle zu beginnen“, kommentiert der Redakteur für den RUNDFUNK BERLIN BRANDENBURG (RBB).

Rausch argumentiert: Auch ohne politische Beihilfe könne sich das Geschäftsmodell Kohle bald von selbst erübrigen. Denn die CO2-Zertifikate, die Kraftwerkbetreibende für ihre Produktion benötigen, seien inzwischen so teuer, dass sich der Betrieb kaum noch rechne: „In Kohle machen lohnt nicht mehr“, so Rausch. In der Lausitz sei das längst angekommen: Dort habe der Energiekonzern Leag schon einen Teil der Belegschaft in Kurzarbeit versetzt – und einen von zwei brandenburgischen Tagebauwerke in den vorläufigen Ruhestand.

Die Politik müsse angesichts dieses Szenarios endlich ihre wahren Hausaufgaben machen – und in die nötige Infrastruktur investieren. „Es gibt noch immer keine industriell nutzbaren Großspeicher für die fragilen Stromquellen Wind und Sonne“, kritisiert Rausch. „Klotzen statt Kleckern“ sei jetzt die Devise – anstatt mit unsinnigen Ausstiegsdiskussionen noch mehr Zeit zu vergeuden.

Anmerkungen der Redaktion

Andreas Rausch ist Moderator beim RBB. Seit 2008 ist Rausch Redaktionsleiter für Hörfunk/Fernsehen/Online im Studio Cottbus und seit 2018 moderiert er den politischen Bürgertalk „Wir müssen reden“: ein Debattenforum für Bürgerinnen und Bürger in Cottbus und Umgebung. Zunächst hat Rausch während seines Journalistik-Studiums im Radio moderiert: unter anderem für den MDR, den DEUTSCHLANDFUNK und den OSTDEUTSCHEN RUNDFUNK BRANDENBURG (ORB). Für den ORB begann er später zusätzlich, Fernsehreportagen zu drehen: viele davon über die Braunkohleindustrie. Bis heute berichtet er als Reporter vor Ort über die Braunkohlewirtschaft und den damit einhergehenden Strukturwandel in Brandenburg. 

Der RUNDFUNK BERLIN BRANDENBURG (RBB) ist die Landesrundfunkanstalt für die Länder Berlin und Brandenburg. Er ist 2003 aus dem Sender FREIES BERLIN und dem OSTDEUTSCHEN RUNDFUNK BRANDENBURG hervorgegangen und unterhält die Radiosender RBB 88.8, ANTENNE BRANDENBURG, FRITZ, INFORADIO, RADIOEINS und RBBKULTUR. Der RBB ist ein öffentlich-rechtlicher Sender und unterliegt dem Rundfunkstaatsvertrag, der die Unabhängigkeit und Überparteilichkeit festlegt. Finanziert wird der RBB hauptsächlich durch die Rundfunkgebühren. Der RBB betreibt die Informationsplattform RBB24.DE, auf der Nachrichten aus Berlin, Brandenburg und der Welt in Text-, Audio- oder Videoform zur Verfügung gestellt werden.

„Braunkohle-Aus: So können wir die gigantischen Flächen im Rheinland nutzen“

Quarks, 15.12.2020 - Lucas Tenberg

Zum Originalartikel

Die Perspektive in 30 Sekunden

In der Region zwischen Aachen, Düsseldorf, Köln und Mönchengladbach liegt auf insgesamt etwa 2500 Quadratkilometern das sogenannte Rheinische Revier: das größte zusammenhängende Braunkohlegebiet Europas – gut dreimal größer als Berlin. Spätestens mit dem Kohleausstieg 2038 werden riesige Flächen frei. Der Wissenschafts- und Wirtschaftsjournalist Lucas Tenberg wagt für QUARKS einen Blick auf die zukünftige Nutzung der drei noch aktiven Tagebaugebiete Hambach, Garzweiler und Inden.

Laut Tenberg sollen aus den gigantischen Braunkohlelöchern drei riesige Seen entstehen. Aus dem Tagebau Hambach werde mit 36 Quadratkilometern der größte, Garzweiler folge mit 21 Quadratkilometern und der Indesee solle 12,6 Quadratkilometer messen. „Allein mit dem Anlegen der Seen ist es im rheinischen Revier allerdings nicht getan“, so der Autor. Er skizziert daher weitere Nutzungsideen basierend auf den Ergebnissen der Zukunftsagentur Rheinisches Revier.

Dazu zähle auch die Solarenergie. „Die Tagebauflächen eignen sich prima für den Aufbau von Solarparks – etwa an den horizontalen Flächen der Abbaugruben, den sogenannten Böschungsbermen“, so Tenberg. Allein durch die Größe der Seen gebe es auf den Wasserflächen aber auch genügend Platz für schwimmende Solarparks. Daneben sei der Ausbau von Windparks denkbar – denn dafür mangele es in NRW bisher an geeigneten Flächen. Laut Tenberg wird auch die Rekultivierung des Tagebaus eine Rolle spielen: „Sie müssen so wiederhergestellt werden, dass wir sie für Land- und Forstwirtschaft, Naturschutzgebiete, Industrie oder eben erneuerbare Energien nutzen können.“

Gleichwohl räumt Tenberg ein, dass es sich dabei bislang nur um Ideen handle und die Umsetzung eine Jahrhundertaufgabe darstelle, „die uns vor ökologische, wirtschaftliche und architektonische Herausforderungen stellt“. Er sieht daher Politik, Kommunen und Bürger:innen gleichermaßen gefragt. Damit die Neugestaltung von Garzweiler, Hambach und Inden gelinge, seien die politischen Entscheidungsträger:innen gefordert, die unterschiedlichen Ideen und Projekte sinnvoll zu koordinieren. „Eine Aufgabe, die uns wohl noch länger beschäftigen wird“, so Tenberg. „Unlösbar ist sie aber nicht.“

Anmerkungen der Redaktion

Lucas Tenberg ist ein freier Wissenschafts- und Wirtschaftsjournalist. Er ist als freier Redakteur bei der WIRTSCHAFTSWOCHE aktiv. Außerdem schreibt er für das Wissenschaftsformat QUARKS des WDR und für die ZEIT. An der technischen Universität Dortmund hat Tenberg Journalismus studiert. Daraufhin ging es als freier Mitarbeiter zunächst zum KÖLNER STADTANZEIGER; danach als Praktikant zur FAZ, als freier Redakteur zum Dortmunder Lokalradio RADIO 91.2 und später als Volontär zur Stiftung Warentest. Seit 2019 ist er freier Redakteur bei der WIRTSCHAFTSWOCHE.

QUARKS ist eine Wissenschaftssendung des WDR, in der wissenschaftliche Themen leicht verständlich erklärt werden: Schwerpunktthemen sind: Umwelt, Gesundheit, Technik, Gesellschaft und das Weltall. QUARKS wurde 1993 erstmals ausgestrahlt und wird heute auch durch einen Internetauftritt, ein Radioformat, einen YouTube-Kanal und einen Podcast begleitet. Moderiert wird die Sendung derzeit von der Chemikerin und YouTuberin Mai Thi Nguyen und dem Fernsehmoderator Ralph Caspers. Laut Similarweb hat QUARKS.DE im August 2021 rund 1,3 Millionen Besuche vorzuweisen gehabt.  Auch der gleichnamige YouTube-Kanal ist erfolgreich: Im September 2021 konnte dieser insgesamt rund 117 Millionen Videoaufrufe verzeichnen. QUARKS ist bereits für mehrere Preise nominiert worden: unter anderem für den Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie „beste Informationssendung“ oder den Grimme-Online-Award.

„NRW: So profitieren Kommunen von klimaschädlicher Kohle“

Correctiv, 09.07.2021 - Katarina Huth, Matthias Bau

Zum Originalartikel

Die Perspektive in 30 Sekunden

Katarina Huth und Matthias Bau legen für das gemeinnützige Investigativ-Portal CORRECTIV dar, wie jede fünfte Gemeinde und jeder zweite Kreis in NRW vom Energieträger Kohle profitiert. Dafür hat CORRECTIV Gemeinden, Kreise und Landschaftsverbände in Nordrhein-Westfalen in einer groß angelegten Crowd-Recherche detailliert nach ihren direkten oder indirekten Beteiligungen an Kohleunternehmen gefragt. An dem Rechercheprojekt haben sich laut eigener Aussage auch junge Menschen zwischen 18 und 25 Jahren beteiligt, von denen sich die meisten bei der Bewegung „Fridays for Future“ engagieren.

„Aus den Daten geht hervor, dass eine von fünf Gemeinden Beteiligungen an Kohleunternehmen hat – bei den 53 Gemeinden im Ruhrgebiet ist es sogar jede dritte“, fassen Katarina Huth und Matthias Bau die Erkenntnisse zusammen. Von den Landkreisen in NRW sei jeder zweite an einem Kohlekonzern beteiligt. „Das bedeutet: Sie besitzen als Gesellschafter einen bestimmten Prozentsatz eines Unternehmens oder halten Aktien daran.“

Welche Kommunen, Landschaftsverbände und Kreise in Nordrhein-Westfalen über Aktien und Konzernbeteiligungen an den Unternehmen RWE, Steag und Trianel am Abbau klimaschädlicher Kohle beteiligt sind, schlüsselt CORRECTIV in einer Übersicht auf. An der Spitze steht dabei der Hochsauerlandkreis mit über 5,8 Millionen RWE-Aktien. Bei den Kommunen liegt die Stadt Dortmund mit knapp 24,5 Millionen RWE-Aktien vorn.

Laut den CORRECTIV-Recherchen halten insgesamt etwa 90 kommunale Akteure Kohlebeteiligungen. 57 von ihnen kommen zusammen auf nahezu 85 Millionen RWE-Aktien – was einem Unternehmensanteil von rund 12,5 Prozent entspricht. Dabei weisen die CORRECTIV-Autor:innen Katarina Huth und Matthias Bau darauf hin, dass die Beteiligungen der Kommunen und Kreise keineswegs neu sind, sondern historisch gewachsen. „An dem Essener Energieriesen RWE sind Kommunen schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts beteiligt“, so die Journalist:innen. Auch personell sei die kommunale Politik und die fossile Energiewirtschaft eng miteinander verflochten und entsprechend intransparent, wie Huth und Bau in einem separaten Beitrag zu ihren Recherchen ausführen.

Anmerkungen der Redaktion

Katarina Huth ist Journalistin aus Berlin und Teil der CORRECTIV-Klimaredaktion. Sie hat in Berlin die Freie Journalistenschule besucht, nachdem sie zuvor Volkswirtschaftslehre studiert hat. Außerdem ist sie Teil des Aktionskunst-Kollektivs Peng!, das mithilfe von zivilem Ungehorsam die Gesellschaft zu mutigeren politischen Kampagnen anregen möchte: Huth hat sich beispielsweise als Mitglied von Peng! in eine angebliche Friedenspreisverleihung der deutschen Waffenindustrie eingeschlichen.  Für „Mein Grundeinkommen e.V.“, ein Verein, der sich der Erforschung der Auswirkungen eines bedingungslosen Grundeinkommens verschrieben hat, hat Huth zu den Auswirkungen einer Grundsicherung geforscht.

Matthias Bau ist beim CORRECTIV-Faktencheck-Team angestellt. Er hat Philosophie und Germanistik in Duisburg-Essen studiert. Während des Studiums hat er als freier Mitarbeiter für die BORBECKER NACHRICHTEN gearbeitet: eine lokale Wochenzeitung aus dem Essener Stadtteil Borbeck. Anfang 2020 hat er beim Recherchemagazin CORRECTIV ein Praktikum in der Klimaredaktion gemacht. Seit April 2020 arbeitet er beim CORRECTIV fest in der Faktencheck-Redaktion. 

CORRECTIV ist ein 2014 gegründetes Rechercheprojekt mit derzeit über dreißig Mitarbeiter:innen und Redaktionssitzen in Essen und Berlin. CORRECTIV versteht sich als gemeinnützig und arbeitet größtenteils auf Spendenbasis. Viele der Beiträge werden gemeinsam mit oder für andere Medien veröffentlicht. Als Ziel sieht man es an, systematische Missstände, Korruption und unethisches Verhalten aufzudecken. Zudem führt CORRECTIV Faktenchecks durch und überprüft im Auftrag von Facebook Beiträge anderer Medien auf dem sozialen Netzwerk auf ihre Richtigkeit.  CORRECTIV hat bereits bei der Aufdeckung mehrerer Skandale mitgeholfen: darunter der Cum-Ex-Steuerbetrug und der AfD-Spendenskandal, aufgrund dessen die AfD 270.000 Euro Strafe leisten musste. CORRECTIV hat für seine Arbeit bereits mehrere Auszeichnungen erhalten: unter anderem 2019 den Grimme-Online-Award in der Kategorie „Information“ und ebenfalls 2019 den renommierten International Fact Checking Award. Laut Similarweb hatte CORRECTIV.DE im August 2021 rund 1,7 Millionen Besuche vorzuweisen. Unter dem Namen „Reporterfabrik“ betreibt die Redaktion eine Online-Journalistenschule.